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Neue Lyrik
Neue Lyrik
von Dr. Heinrich Sp i er o-Hamburg
n München hat sich unter dem Namen „Die Lese" eine Vereinigung von gesamtdeutschem Charakter zusammengetan in der Absicht, auf verschiedenen Wegen am Kampfe gegen die Verbreitung der Schundliteratur teilzunehmen. Zu diesem Zweck ward eine erstaunlich billige literarische Zeitschrift für die weitesten Kreise ins Leben gerufen, die vernünftigerweise nicht nur Neues, sondern auch gerade das Beste und Geeignetste aus unserer älteren Dichtung auf gut ausgestatteten Blättern darbringt. Der Zeitschrift schließt sich ein Verlag an, dessen erstes Werk die Gedichte Heinrich v. Neders sind. Heinrich v. Reder war im Jahre 1824 geboren und ist als Generalmajor a. D. am 16. Februar 1909 gestorben. Er hat nacheinander den verschiedenen Generationen Münchener Kunst von dem Kreise Geibels bis auf die jüngste Gegenwart nahegestanden, immer eine Anzahl warmer Verehrer und doch nie ein einheitliches Publikum gehabt, wie das noch der kurz nach ihm verstorbene Otto Julius Bierbaum bei Reders Tode hervorhob. Schlägt man nun die von dem Münchener Privatdozenten Artur Kutscher herausgegebene Sammlung auf, so wundert man sich freilich darüber nicht mehr, denn sie bedeutet auf den ersten Seiten herzlich wenig; Reder erhebt sich in seinen älteren Gedichten kaum über das übliche Durchschnittsniveau der Spätromantik oder jener immer wiederkehrenden leichten Lyrik verliebter Herzen und ein wenig verträumter Wanderer, die nichts Eigenes zu sagen haben. Ganz anders aber wird der Ton in den Gedichten, die Reders späteren Jahren entstammen und erfreulicherweise den größeren Teil dieses Bandes füllen, dem Publikum aber vielfach früher durch allerlei Pech, das Reder mit seinen Verlegern hatte, kaum zu Gesicht gekommen sind. Seine Landsknechts- und Bauernkriegsgedichte sind selbständig volkstümlich im Ton, ganz etwas anderes als die abgeklapperte Vagantenweise der siebziger und achtziger Jahre. Man denkt an einen anderen Bayern, an Hans Hopfen, den Reder freilich nicht erreicht. Und man liest dann mit noch lebhafterer Bewegung die Gedichte aus dem Feldzug von 1870, unter denen einige außerordentlich scharfe, naturalistisch geschaute Bilder auffallen, wie sie außer Liliencron keiner der Dichter gegeben hat, die mit in den Krieg gezogen sind. So ist denn diese Ausgabe im ganzen sehr verdienstlich und wird hoffentlich bewirken, daß unsere Anthologien sick dem einen oder dem anderen Gedicht Reders öffnen, in Deutschland immer noch der sicherste Weg zu einer wenn auch bescheidenen lyrischen Unsterblichkeit.
Persönliche Töne suchen wir doch vor allem in einer solchen lyrischen Sammlung und sind sicherlich geneigt, Schwächen des Ausdrucks eher zu verzeihen als die ewige Wiederkehr unselbständiger Empfindungen. Die „Einsamen Feste" von Walter Britting (Berlin, Egon Fleischel u. Co.) sind in ihrer Form im allgemeinen liebenswürdig, ermangeln aber eben jedes persönlichen Tones und haften mit keinem Klang im Ohre. Und fast wäre man geneigt, dasselbe, nur ohne das Lob der Form, die hier wesentlich unreiner ist, von Otto Frommels Gedichtband „Im farbigen Neigen" (Berlin, Gebrüder Paetel) zu sagen, wenn nicht am Schluß ein paar Bilder aufleuchteten, die länger haften bleiben — der Flügel, der in seinem neuen