Die Lebensverteuerung und ihre Bekämpfung
von « „ «
eit Gründung des Deutschen Reiches ist unser Volksvermögen gewaltig gewachsen. Nicht alle Schichten der Bevölkerung sind aber daran in gleichem Maße beteiligt. Die Industrie, der Großhandel und das Großkapital haben den größten Nutzen aus dem außerordentlichen Aufschwünge gezogen, das Großkapital hauptsächlich dadurch, daß es sich an allen besonders ertragreichen Unternehmungen beteiligen und überall gewissermaßen die Sahne abschöpfen konnte.
Die Lage der Landwirtschaft ist durch die Schutzzölle und die Zunahme der Bevölkerung und deren Zahlungsfähigkeit gesichert, aber nichts weniger als glänzend. Das Sinken des Geldwertes hat den Gewerbetreibenden und Landwirten erhebliche Vorteile gebracht. Jedes Prozent Zinsen weniger bedeutet für die Hypothekenschuldner Deutschlands eine Ermäßigung ihrer Zinsleistung um Hunderte von Millionen Mark im Jahr. Hart sind dagegen die kleinen Kapitalisten dnrch den Rückgang des Zinssatzes getroffen. Bei der Beschränktheit ihrer Mittel können sie nicht wie das Großkapital jede günstige Geschäftslage ausnutzen und Verluste bei einzelnen Unternehmungen durch Gewinne bei anderen ausgleichen. Daß die wirtschaftlichen Verhältnisse des Kleingewerbes nnd des Kleinhandels zu wünschen übrig lassen, wird allseitig anerkannt. Recht günstig im Vergleich zu der Zeit vor 1870 ist die Lage der Lohnarbeiter. Sie sind gegen Krankheit, Unfall, Invalidität und Alter versichert und haben durchweg eine erhebliche Erhöhung ihrer Löhne erfahren.
Am wenigsten haben sich die Verhältnisse der großen Masse der Kopfarbeiter, des ungeheuren Heeres der Beamten und Angestellten aller Art gebessert, soweit sie auf ihre beruflichen Einnahmen beschränkt sind. Auch ihre Bezüge sind zwar im Laufe der letzten vier Jahrzehnte gestiegen, aber nicht in solchem Grmzboten III 1911 13