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Reichsspiegel
(Vom 19. bis 25. Juni)
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Reichsspiegel

(Vom 19. bis 2K, Juni)

Innere Politik

Scheidungen und Klärungen Rötger kontra Rieszer Nationallibernle, Konser­vative und Hansabund Dos Urteil des SpruchkoltegimuS Kritische Verhältnisse in der evangelischen Landeskirche

Einige Gewitterbildungen, die schon lange über dein deutschen Parteileben lasteten, haben während der abgelaufenen Woche zur Entladung geführt. Der Austritt des Herrn Rötger aus dem Präsidium des Hansabundes und die Desavouierimg des Grafen Schweriu-Löwitz durch die konservative parteiamtliche Presse dürften endlich zur Scheidung der Geister und zur Klärung inner­halb der großeu Parteien führen. Ein abschließendes Urteil über die mutmaß­lichen Folgen für die Parteien und deren Aufmarsch zu den Wahlen ist in­dessen heute noch nicht zu gewinnen. Das Urteil über die weitere Entwicklung des Hansabundes wird von der Zahl und der Macht der Gefolgschaft Nießers abhäugen und davon, ob die offene Abkehr Rötgers nnd damit des Zentml- vcrbandes deutscher Industrieller deu Aufgaben, die der Hansabund sich zn lösen vorgenommen hat, förderlich oder schädlich ist. Einstweilen sind Herrn Rieszer zwar schon zahlreiche Vertranensbckundnngen zugegangen, einen klaren Überblick darf man aber wohl nicht vor Ende der kommenden Woche erwarten, wenn die für Mittwoch anberaumte Vorstandssitzung des Buudes beschlossen haben wird. Rein theoretisch betrachtet, sollte mau Herru Rieszer zu der Wandlung Glück wünschen, denu nun wird wohl endlich eine einheitliche Leitung des Hausabnndes möglich sein, und unbeirrte, zielbewußte Führung vermag bekanntlich manche sonstige Mängel wieder auszugleichen.

Freilich ist auch hier Vorsicht iu der Beurteilung der Lage geboten. Nicht ohne gewisse Bedeutung für die fernere Entwicklung wird die Stellung der nationalliberalen Partei zu den nettesten Vorgängen im Hansnbunde sein. Die jüngere Richtung hält es mit Rießer, die ältere nimmt unr zu gern Rücksicht auf die Stimmung bei den Konservative» dies um so mehr, als gerade !u den letzten Tageu vou konservativer Seite sich seit langer Zeit wieder die ersteil Zeichen einer friedfertigen Gesinnung gegenüber den bürgerlichen Parteien der Linken bemerkbar gemacht haben. Die Wahlrede des Neichstngspräsidenten nnd konservativen Abgeordneten Grafen Schwerin-Löwih zeugt von dein Wunsche nach Verständigung mit den Nationalliberalen, wenn es heißt:Ich habe bei meinen Ausführungen im Oktober vorigen Jahres über die national­liberale Partei besonders hervorgehoben, daß ich deren gegenwärtige Politik gerade deshalb so tief bedauere, weil ich eine starke wirklich natioualliberale Partei nicht nur für berechtigt uud erwünscht, sondern in jedem gesunden konstitutionelleu Staatswesen, auch in dem nnserigen, geradezu für notwendig und unentbehrlich halte, damit innerhalb der gegebenen verfassungsmäßigen Grenzen sowohl die mehr konservativen als auch die mehr liberalen Grund-