Maßgebliches und
Julius Rodcnverg. Zum siebzigsten Geburtstage Julius Rodenbergs schrieb Wilhelmine von Hillern: „Du hättest mit dreißig Jahren schon achtzig sein können, mit achtzig wirst du ein Dreißiger sein. Mit dreißig Jahren hast du dir die Ruhestätte Klostermanns Grundstück bestellt, mit achtzig wirst du Rosen darauf Pflanzen! Das ist die Tag- und Nachtgleiche von Jugend und Alter, die sich in harmonischen Naturen vollzieht." Sie hat recht behalten. Heute, da wir dem Achtzigjährigen unsere Glückwünsche entbieten, haben wir das Gefühl, als kämen die in Ehrfurcht dargebrachten Wünsche in weiteren zehn Jahren noch früh genug. Denn dieser junge Jubelgreis spottet des Alters. Mit nie erlahmendem Eifer ist er heute wie seit siebenunddreißig Jahren um jedes Heft seiner Deutschen Rundschau bemüht.
Rodenbergs dichterische Anfänge reichen in eine uns Jungeil beinahe sagenhaft gewordene Ferne zurück: im Verlage von Hoffmann u. Campe in Hamburg kamen fast zu gleicher Zeit Heinrich Heines „Romanzero" und des neunzehnjährigen Rinteler Primaners Julius Rodenbcrg vierzehn geharnischte Sonette „Für Schleswig-Holstein" heraus! DaS warzweiJahre nach dem tollen Jahr 18431
Seine Romane, Reiscschilderungen und Erinnerungen gehören der Literaturgeschichte an, werden also — nicht mehr gelesen; und doch verdienen sie, besonders die „Berliner Bilder", ein solches Schicksal nicht. Gerade dies letzte Werk hat Ernst von Wildenbruch zu einein Loblied begeistert, wie es Alt-Berlin Wohl nie sonst gesungen wurde.
Paul Heyses Poetischer Wunsch vor zehn Jahren möge auch für das nächste Dezennium in Erfüllung gehen:
Unmaßgebliches
Laß nun, wenn der Tag sich senkt,
Abendfeuer blinken,
Doch die Hand, die sicher lenkt,
Nicht vom Steuer sinken.
Und so segle fröhlich fort
In die schöne Ferne,
Treue Freunde rings an Bord,
Wer dir die Sterne.
L?. A,
schöne Literatur
Seit mehr als zehn Jahren wußten wir, daß Wilhelm Raave einen unvollendeten Roman im Schreibtische verschlossen hielt, aber mehr als den Namen „Altershausen" konnte niemand darüber erfahren, und alle Bitten der Freunde, ihn zu vollenden, blieben ebenso erfolglos, als die verlockendsten Angebote des Verlegers, ihn als Torso im Drnck erscheinen zu lassen. Der Alte blieb dabei, das Buch solle erst nach seinen: Tode erscheinen. Nachdem in seinem zweiten Maihefte der Kunstwart mit einigen herzlich warmen Worten zur Einführung die einleitenden Kapitel des Romans gebracht und verschiedene Tageszeitungen vielverheißende Proben daraus abgedruckt haben, ist nun des greisen Dichters nachgelassenes Werk „Altershausen" in würdiger Ausstattung sbei Otto Janke, Berlin, Preis M. 4.—) erschienen, und den zahlreichen Freunden Raabes ist die Gelegenheit geboten, sein Vermächtnis kennen zu lernen und das, was er vou der Höhe seiner Welt- und Lebenserfahrung seinem Volke gegen das Ende seines reichen Lebens zu sage» hatte, sich zu Herzen gehen zu lassen. Denn das mag gleich vorweg genommen werden: wenn je in seinen Romanen und Novellen, so hat es der Dichter in diesem seinem letzten