Musik und Satire
von Dr, Wilhelm Alccfold-Lorlm
> enn uns Jean Paul in seiner sarkastischen Geistesschärfe nicht weniger als vier Stufen des Zynismus nachweist, so müßte Karl Storck in seinem Werke „Musik und Musiker in Karikatur und Satire" (Eine ! Kulturgeschichte der Musik aus dem Zerrspiegel. Oldenburg, Gerh. Stalling) wohl einige Dutzend Schattierungen und Übergänge der in dieses Gebiet fallenden Äußerungen auseinanderhalten. Er begeht daher gewiß kein Unrecht, wenn er, um leichter zu seinem Ziel zu gelangen, der philologischen Definition von Humor, Satire, Parodie, Travestie, Karikatur usw. aus dem Wege geht und sich vielmehr an die Wirkung hält, die allen diesen Äußerungen menschlichen Geistes gemeinsam ist. Die Satire in ihrer wechselnden Erscheinung will ihr Urteil sagen, mag dies mild oder scharf, absprechend oder zustimmend sein. Sie sucht einen Weg, über die Klippe dogmatischer Auseinandersetzung hinwegzukommen, um desto sicherer alle widerstrebenden Meinungen einzufangen und über gehässige und abstoßende Auffassung hinaus Kritik zu üben. „Die Hauptsache ist" — heißt es bei Jean Paul — „daß das flüchtige Salz des Komischen manche Gegenstände, die wie ketzerische Meinungen in üblem Gerüche stehen, so schnell zersetzt und verflüchtigt, daß der Empfindung gar keine Zeit zur Bekanntschaft mit ihnen gelassen wird. Da das Lachen alles in das kalte Reich des Verstandes hinüberspielt: so ist es weit mehr noch, als selber die Wissenschaft, das große Menstruum (Zersetz- und Niederschlagmittel) aller Empfindungen,sogar der wärmsten; folglich auch der ekeln." Also das Lachen, hervorgerufen durch das Komische, soll uns gewinnen. Umspannen wir demnach in der musikalischen Satire die Verstandesäußerungen, die dieses Lachen auslöst.
„Auf daß die Satire im strengsten Sinne entstehe, muß eine Erscheinung des Lebens als Schaden oder als Belästigung empfunden werden. Die Satire gegen Musik und Musiker setzt also voraus, daß der Musikbetrieb einen Umfang oder Formen angenommen hat, die dem auf der Kulturwarte stehenden Satiriker Anlaß zur Verhöhnung geben." Solchen Anlaß fand er nun zu allen Zeiten. Die soziale Geringschätzung des Musikers, die ihm noch als Erbteil seiner Ahnen, der „fahrenden Leute", überkommen war, warf grelle Schlaglichter auf die Kunstvertreter, die durch Geuiebegnadung oder Glück zu den höchsten Stufeu gesellschaftlicher Ausnahmestellung emporgestiegen waren. Und gerade in diesem Widerstreit des allgemein Bohememäßigen gegen das vereinzelt Überragende lag ein willkommener Anlaß