Offene Tür oder Interessensphäre?
von Arthur Dix-Bcrlin
n früheren Zeiten war man bei der Klassifizierung Handels- und wirtschaftspolitischer Tendenzen der einzelnen Staaten und Handelsund wirtschaftspolitischer Beziehungen zwischen den verschiedenen Staaten leicht fertig mit den Begriffen „Freihandel" und „Schutzzoll". Heute meint man, daß es in Englands Hand liege, ob nicht etwa auf lange Zeit hinaus der Freihandel überhaupt aus der Praxis der Weltwirtschaftspolitik sich zurückziehen muß in die blutlossn Begriffe der reinen Theorie; und man ist geneigt, zu glauben, daß diese Entscheidung bei England auf des Messers Schneide stehe.
Recht betrachtet, ist der Freihandel ja überhaupt nur noch aufzufinden, wenn man ihn theoretisch lediglich als Gegensatz zum Schutzzoll auffaßt; in Wahrheit aber kann doch schließlich auch ein hochentwickeltes System von Finanzzöllen nicht mehr als reiner Freihandel aufgefaßt werden, der doch eigentlich das Fehlen jeder Zollschranke voraussetzt. Und wie steht es damit in England? — Wir rnfen uns die einschlägigen Ziffern viel zu selten ins Bewußtsein, vergegenwärtigen uns viel zu selten, daß England in Wahrheit die höchsten Zoll- mmahmcn in Europa verzeichnet — höher als das durch so hohe Zollmauern umschlossene Rußland, höher als das klassisch schutzzöllnerische Frankreich, höher auch als Deutschland! Nach dem Gothaer Hofkalender 1909 belaufen sich die englischen Zolleinnahmen auf rund 700 Millionen, die deutschen auf 670, die französischen auf 380 Millionen. Das macht auf den Kopf der Bevölkerung berechnet in Frankreich etwa 9,1, in Deutschland 10,6, in England aber 15,5 Mark. Man sieht: nuch ohne zum Schutzzoll überzugehen, ist England bereits mit seinem Finanzzoll cm Land, auf dessen Handelspolitik der Begriff des Freihandels doch nur in einer zwar durch die Gewohnheit geheiligten, darum aber doch nicht weniger einseitigen Auslegung anzuwenden ist.
Grenzpoton II 191 t ^