Reichssxiegel
329
Reichsspiegel
(Vom 9. bis 14. Mai)
Innere Politik
Duelluufng — Versagen der Berliner Presse — Die Kardinalfrage — Wie ist das Duell Richthofen-Gasfron zustande gekommen? — Offizierstand und allgemeines Recht — Unzureichender Schutz t>vr Beleidigungen — Elsas;-lothringische Verfassung
Alle politischen und sonstigen Sensationen wurden am Donnerstag nachmittag schrill durch die Nachricht von einem Duell mit tödlichem Ausgang in der Jungfernheide übertönt. Freitag wurde ein zweites Duell aus Oels gemeldet, über dessen Ursache keine einwandfreien Nachrichten an die Öffentlichkeit gedrungen sind; es scheint eine sogenannte „betrunkene" Geschichte gewesen zu sein. Bei dem Berliner Waffengange ist das Aufregende und Entsetzliche in dem Umstände zu finden, daß hier durch die Kugel Vorkommnisse gesühnt werden sollten, die bereits länger als achtzehn Monate zurückliegen und die die ordentlichen Gerichte ebenso beschäftigt hatten wie den zuständigen Ehrenrat. Die Sache schien längst begraben. Und nun doch das Duell und über dem frischen Grabe des Gefallenen ein Streit und Gezänk, als sei die Angelegenheit erst gestern aufgetaucht! Die Berliner Presse hat mit wenigen Ausnahmen den Fall nicht mit dem nötigen Ernst behandelt, hat auch kritiklos ihr einseitig zugehendes Material veröffentlicht, obwohl ein ordentliches Verfahren schwebt. Ein bekannter Publizist hat sich sogar zu dem Ausruf hinreißen lassen, der Unrechte sei gefallen! Abgesehen von der Roheit dieser Bemerkung wirft sie auch ein eigentümliches Licht auf die Zuverlässigkeit des Herrn. Demi auch nur eine oberflächliche Durchsicht des über den Fall Richthofen-Gaffron in der Presse veröffentlichten Materials würde ihm gezeigt haben, daß die Auffassungen über die Schuldfrage recht weit auseinandergehen. Zudem schwebt gerade über diesen Punkt das ordentliche Gerichtsverfahren. Dessen Ergebnis hätte aber ruhig abgewartet werden können, und zwar um so mehr, als im vorliegenden Falle die Persönlichkeiten der beiden Duellanten doch nur eine höchst nebensächliche Rolle spielen. Wer sind sie? Ein Ritter von: Turf und ein unerfahrener, leichtsinniger Leutnant! Viel wichtiger und für die fernere Handhabung des Duellwesens vielleicht von der größten Bedeutung sind die prinzipiellen Verhältnisse, die das Duell trotz allem möglich machen konnten. Wie ist das Duell zustande gekommen? Das ist die Kardinalfrage, die seitens der Presse und des Parlaments solange gestellt und untersucht werdet! sollte, bis Kriegsminister und Staatsanwaltschaft sich einwandfrei geäußert haben. Was bedeuten denn die Sprüche eines Ehrengerichts und zweier ordentlichen Gerichte, wenn es dem Staatsbürger, gleichgültig ob dem uniformierten oder dem Träger des bürgerlichen Gewandes, schließlich doch nur möglich wird, seine Stellung in der Gesellschaft mit der Pistole in der Hand zu währen?!
Wie ist es zu dem Duell gekommen? Das ist die beunruhigende und Freunde von Zucht und Sitte quälende Frage. Eiu neuer unvorhergesehener
Grenzboten II 1911 42