Biologie und Politik
von Prof. Dr. H. G. Holle-Lremerlmven
n einem früheren Aufsatz in diesen Blättern (1910, Heft 46) habe ich die Notwendigkeit betont, in dem biologischen Unterricht unserer höheren Schulen bis zu den allgemeinen Gesichtspunkten vorzudringen, um den Schülern etwas ins Leben mitzugeben, was sie später, während der Vorbereitung sür ihren besonderen Beruf, zu erwerben keine Zeit haben. Das nach dem Zeitalter der Technik angebrochene Zeitalter der Biologie verlangt eine neue allgemeine Bildung, die einen festen Grund bietet, auf dem sich der einzelne selber in das Gesamtleben einordnen, das heißt nicht nur eine eigene Weltanschauung, sondern auch Leitlinien finden kann für das Zusammenleben mit anderen Menschen, also sür die Politik.
Wenn wir nun so mit O. Ammon"), L.Woltmann^). H. Driesmanns***), A. Reibmayrf) und anderen Politik als angewandte Biologie auffassen, so müssen wir uns zunächst darüber klar werden, wie weit eine solche Betrachtungsweise zulässig ist.
Ein geordnetes Zusammenleben finden wir auch bei Tieren, am vollkommensten ausgeprägt unter den auf eine ältere Entwicklung als der Stamm der Wirbeltiere zurückweisenden Kerfen, bei Bienen und Ameisen. Wir reden von Bienen- und Ameisen-„Staaten" und finden in diesen Staaten natürliche Einheiten höherer Ordnung, die untereinander geradeso im Wettbewerb stehen wie die Individuen. Aber wenn wir, durch das Wort verleitet, die menschlichen
") „Die natürliche Auslese beim Menschen", Jena 1893. — „Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grundlagen", Jena 1S96. — Aufsätze in der Deutschen Welt und anderes.
„Politische Anthropologie", Eisenach 1903. — Aufsätze in der Politisch-Anthropologischen Reime.
Neben anderen Schriften besonders „Dämon Auslese", Berlin 1907. 1-) Aufsätze in der Politisch-Anthropologischen Rebue und im Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie.
Grenzboten II 1911 ^