Maßgebliches und Unmaßgebliches
Theater
Alfred Freiherr v. Bergcr: Meine Hmn- vurgische Dramaturgie. Wien, Reisser, 1910, Unbesorgt! DasBuch ist weit besser als sein Titel, der einen Maßstab darzureichen scheint, für den weder Inhalt noch Form langt. Auch stimmt er nicht: ein Sammelsurium von Aufsätzen des verschiedensten Charakters, gänzlich unverbunden und durch ganz Persönliche kleine Dichtungen aufgefrischt, heißt keine „Dramaturgie", „Hamburgisch" ist Wohl der größte Teil, aber gar vieles bezieht sich völlig aufs Burgtheater, nur „Mein" darf es sich in seiner völlig subjektiven Färbung Wohl nennen. In jeder Richtung steht der Verfasser als ein „^snus bitrons" da; Hamburg schreibt sicl/s und Bnrgtheater wird's ausgesprochen, von der Gegenwart wird geredet und die Schatten der Vergangenheit stellen sich immer drohend vor dieselbe. Ein Mann sagt es, der sich voll Enthusiasmus, den er oft schön dem Leser mitzuteilen weiß, der Bühne znschwört und alle Seligkeit auf ihr schaffend empfindet, der aber doch wieder im Märchentone von dem Knaben Plaudert, dessen Sehnsucht das Theater mehr abgefunden als gestillt hat und das ihm nur Surrogat für höhere Ziele geworden. Zwiespältig unentschieden ist auch das Buch als Ganzes, wenn man es so betrachten darf, geworden: zum größten Teile ist es gedruckte Rede, gesprochenes Wort, Das gibt den Reiz des Unmittelbaren, den impulsiven, mitreißenden Ton, aber es verschuldet auch starkeWieder- holungen, langatmigen und unkorrekten Pc° riodenbau, flüchtige Behandlung wichtiger, ermüdende Ausführung unwesentlicher Details. Manche Partien wieder geraten pedantisch, schwerfällig im Ausdruck. Allzu Populäres, das von der Kunst des Sprechers, alte Wahrheiten in neue Sätze zu kleiden, ausreichendsten Gebrauch macht, so namentlich in Inhaltsangaben und Analysen, wird von streng fach
wissenschaftlichen und technischen Betrachtungen, die sich bei all ihrer Feinheit als nicht genügend konzentriert erweisen, abgelöst. Man wird oft angezogen, oft abgestoßen; glücklicherweise ist die Kraft der Anziehung die stärkere nnd am stärksten Wohl da, wo der Widerspruch herausgefvrdert wird.
Ein dikrons" ist auch der Drama
turg selbst. Er ist ein glänzender Beleber der großen Vergangenheit. Die trefflichen Beitrage zur Szenierung des „Hamlet", die dadurch nichts nn ihren: Werte verlieren, daß die Grundlage schon in Jmmermanns Vorschlagen ruht, die wirklich Poesievolle Herausholung der Märchenstimmung des „Lear" leiten würdig die wertvollste Partie des Buches, die in wärmstem Tone die Rechte Hebbels auf unsere Bühne verkünden und ihn geradezu als „Erzieher" für Schanspieler und Dramaturgen feiern, ein. Wo es gilt, mit Geist und nachschaffender Phantasie große Dramen für moderne Bühnentechnik klar zu legen, da stellt Berger seinen Mann wie kaum ein anderer. Dagegen wird es Wohl schwer, ihm Gefolgschaft zu leisten, wenn er einen geistigen Zusammenhang zwischen Nnthan nnd Shylock fast paradox herausklügelt. Die Toten leben, wenigstens in seinem Worte, die Lebenden aber sterben. Berger ist ein Zögling LanbeS, aus seinem Bnrgtheater hervorgegangen, in seiner Schule zum Hüter der Rede erwachsen, deren Bedeutung für die Schauspielkunst er gewiß richtig, aber niit eben so scharfer Einseitigkeit wie sein Meister verkündet. Aber Schauspieler ist mehr als Sprecher, und das kommt bei seiuen oft glänzenden Darlegungen über das Memorieren des Bühnenkünstlers — leider nur wieder mehrmals fast mit den nämlichen Worten gebracht — nicht ganz zur Geltung, Und spricht er Laub« den Satz nach, daß ans der Probe für den Regisseur jedes -Drama ein Meisterwerk sein soll, noch weniger als für den Schanspieler der Gegenwart, wo