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Reichsspiegel
Reichsspiegel
(Vom 0. bis zum 11. März 1911)
Innere Politik
Der preußische Kultusetat — Die Rede des Kauzlers — Das Positive der Kauzlerrede — Kulturkampf — Max Lenz uud die Roinautik — Die preussische Gesandtschaft beim Vatikan — Bedauerliche Unklarheiten — Die Stellung der Konservativen.
Nicht ohne ein gewisses Bangen haben weite Kreise des gebildeten Deutschland den Debatten über den Kultusetat des preußischen Abgeordnetenhauses entgegengesehen. Sollte doch der preußische Ministerpräsident darüber Auskunft geben, welche Stellung die preußische Regierung gegenüber dem Vorgehen der römischen Kurie einzunehmen gedenke. Nach der Vorrede, die der Herr Kultusminister in der Kommission gehalten hatte, wuchs der Optimismus und damit das Vertrauen zur Regierung, doch hielt sich die Mehrheit noch skeptisch zurück. Noch lag allen in den Ohren, was Herr v. Bethmann vor Weihnachten im Reichstage gesagt hatte: „Eine Politik unter Ausschaltung des Zentrums mache ich nicht mit". Am Dienstag nun hat Herr v. Bethmann Hollweg in langer, eindrucksvoller Rede den Standpunkt der Regierung dargelegt.
Die Rede des Kanzlers zeichnet sich durch zwei Vorzüge aus, die Ministerredeu gewöhnlich nicht zu haben pflegen: sie erscheint sorgfältig bis in kleinste Einzelheiten vorbereitet, und sie läßt alle Momente des preußisch-römischen Streites ohne Rücksicht auf ihre größere oder geringere Schwere vor unserem geistigen Auge vorüberziehen; sie ermöglicht dadurch auch dem der ganzen Frage fernerstehenden Zeitungsleser, einen Blick auf die letzten Konsequenzen zu werfen. Wegen dieser Vorzüge sei sie allen Deutschen zu eingehendem Studium empfohlen,- es ist hier dem denkenden Menschen die Möglichkeit geboten, sich über eine der wichtigsten Fragen unseres nationalen Daseins ein eigenes Urteil zu bilden, über eine Frage, deren Lösung nicht nur äußerliche staatsrechtliche Beziehungen endgültig regeln, sondern auch die kulturelle Entwicklung der Nation tief beeinflussen und deren Stellung zum neudeutschen Kaisertum festlegen würde.
Das Positive an seiner Rede ist: die Negieruug hat sich entschlossen, der ultramontanen Geschichtsauffassung den Einfluß auf unsere Jugend zu nehmen und sie die Schönheiten der deutschen Literatur durch den Mund innerlich freier Männer kennen lernen zu lassen. Sollte hinter den Worten anch der feste Wille zur Tat stehen, — schon in wenigen Wochen, beim Eintritt neuer Lehrkräfte zu Beginn des neueu Schuljahres muß es sich ja zeigen —, sollten die Worte nicht lediglich eine Drohung bedeuten, dann wäre die deutsche Sache siegreich aus den letzten Kämpfeil gegen Rom hervorgegangen. In solcher Auffassung stimmen mit uns alle Politiker der Mittelparteien überein, selbst solche, die als einen vollen Sieg nur den Abbruch aller Beziehungen zum Papst und die Beseitigung der katholischen Fakultäten gelten lassen wollen, d. h. die den Zeitpunkt für einen neueu Kulturkampf gekommen wähnen.