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Das italienische Volk und der italienische Nationalstaat
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Das italienische Volk und der italienische Nationalstaat

von Otto Aaemmel-Loschwltz

m 17. März dieses Jahres sind fünfzig Jahre verflossen, daß das Königreich Italien proklamiert wurde. Mit großen Feierlichkeiten begehen die Italiener diese Erinnerung, wie sie im vorigen Jahre des verwegenen Zuges Garibaldis und der „Tausend von Marsala" nach Sizilien, vor zwei Jahren des Befreiungskrieges von 1859 gedacht haben. Trotz so mancher innerer Schäden haben doch die Italiener alle Ursache, mit stolzem Hochgefühl sich dieser Erfüllung ihrer nationalen Bestrebungen zu erinnern und mit Befriedigung auf das zurückzuschauen, was sie in diesem halben Jahrhundert unter der Führung des savoyischen Königs­hauses erreicht haben: die Ausgestaltung des Einheitsstaats, eine starke Armee und Kriegsmarine, den Ausban eines großartigen Eisenbahnnetzes, von dem vor fünfzig Jahren außerhalb Piemonts nur einige wenige Linien vorhanden waren, den Aufschwung des allgemeinen Wohlstandes, die Ordnung der Finanzen, Neubau des Schulwesens. Mit Teilnahme schauen die anderen Kulturvölker auf dieses geeinigte aufstrebende Volk, das man so oft fchon totgesagt hatte. Vor allem wir Deutsche haben dazu alle Ursache, denn die Italiener sind unsere Schicksalsgenossen von jeher gewesen, zumal nach 1815.

Und doch will es scheinen, als ob bei uns diese Sympathien nicht sonderlich lebendig seien. Wir rühmen uns, im Verständnis fremder Volksart alle Nationen zu übertreffen, aber die Italiener verstehen wir im allgemeinen wenig, und noch seltener werden wir ihnen gerecht. Im ganzen gilt das neue Italien bei uns als ein unsicherer Bundesgenosse, vor allem wegen der Ansprüche der Jrridentisten auf Südtirol, Trieft und in etwas entfernterer Linie auf Dalmatien. Österreich kann und soll diese Gebiete nicht aufgeben, aber es ist ungerecht, zu vergessen, daß erst Maximilian der Erste diese ganz italienischen Stücke Tirols Grenzboten l 1911 64