Die Bedeutung der Allegorie
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Wahrheit ein nie vollkommen zu erreichendes Ideal sei. Eng hängt damit zusammen, daß die moderne Wissenschaft in der Religion wie in allen Gebieten des Geisteslebens den Entwicklungsgedanken in den Mittelpunkt stellt, daß dagegen die katholische Kirche für ihre Lehre jede wirkliche Entwicklung ablehnt. Es ist eben das Vorrecht einer „unfehlbaren" Autorität, zugleich „unverbesserlich" zu sein.
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Die Bedeutung der Allegorie
von Alexander v, Gleichen-Rußwurm-lNünchcn
ie Kluft, die zwischen der geistigen Disziplin der Vergangenheit und der geistigen Disziplin der Neuzeit liegt, erscheint besonders scharf beleuchtet, wenn die Geschichte der Allegorie umrissen wird.
Deuten und Bedeuten, Allegorisieren und Personifizieren war während vieler Jahrhunderte eine tiefgehende Gewohnheit des menschlichen Denkvermögens, die von Religion oder Theologie ausging und auf alle Künste und Wissenschaften hinüberstrahlte.
Bekannt ist das erste primitive Symbolisieren im kindlichen Spiel. Erwachsene wundern sich oft, wie lebendig die Suggestion des Spielworts „das bedeutet" auf kindliche Gemüter wirkt. Jener Kleiderhaken bedeutet den Spielenden einen Baum, jene Reihe von Stühlen die Eisenbahn. Ganz ähnlich ist das Spiel der Phantasie nnd die Autosuggestion bei Dichtungen, die allegorisch gedeutet werden, namentlich bei Werken religiösen Inhalts. Wie in kindlicher Phantasie ein Möbel einen Baum bedeuten muß, so werden diese oder jene mystisch beleuchteten Gegenstände zu Symbolen umgedichtet, oder abstrakte Ideen müssen sich in einen allegorischen Körper bequemen. Traditionell geworden sind diese Deutungen heilig und unumstößlich. So läßt sich die ungeheuere Macht erklären, die das farbenprächtige, alttestamentliche Bibelbuch mit seinen vielen Seltsamkeiten über die Länder der Erde gewann. Alle christlichen Völker geheimnisten eine Symbolik in die Bücher der ebräischen Poesie, deren Naivität in den alten Kapitelüberschriften sehr interessant zutage tritt. Vor allen springt sie ins Auge bei der merkwürdigen Deutung des Hohen Liedes. Die Menschheit vertiefte sich in das wunderbare Buch der Bücher und dichtete daran weiter, trug neue Wunder in die alte Sagenwelt durch ein großartiges Spiel mit Allegorien.
Die Beschäftigung des Geistes mit solchem orientalischen Rcitseldeuteu wurde zu einer besonderen Kunst und künstlerischen Freude. Sie wurde in die profane Dichtung übertragen, die ihr viele der schönsten und tiefsten Schöpfungen verdankt. In die bildenden Künste, in Skulptur und Malerei drang sie mit wuchernder Kraft, ja sogar in die Architektur, die mit dem himmelstrebenden gotischen Stil