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Reichsspiegel :
(Vom 30. Januar bis 5. Februar 1911.)
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Reichsspiegel

Reichsspiegel

(Vom 30. Januar bis 6. Februar 1911.)

Politik

Kuliurkampfstiinmuiui Wachsende Rechtsunsicherheit ...... Da» Mißtrauen als

Regierungsmnrime Wertzuwachssteuer.

Kulturkampfstimmung, das Wort bezeichnet am besten die Mischung von Empörung, Mißmut, verletztem Stolz und Resignation, die sich des deutschen Volks bemächtigt hat. Ich weiß nicht, ob der deutschen Nation seit dein Tage von Ems, wo König Wilhelm dem Franzosen den Rücken kehrte, eine schwerere Beleidigung zugefügt wurde, als durch die Veröffentlichung des päpstlichen Briefes an den Kölner Kardinal. Aber welch ein Unterschied! Damals konnte die dem Staatsoberhaupte zugefügte Beleidigung auf der Stelle gesühnt werden. Die Wut, die alle Volkskreise erfaßte, fand einen Ausweg durch den Krieg. Hellte? Wie ein böser Spuk zerrinnt die Gestalt des Beleidigers, wenn die Faust sich hebt, sie zu zerschmettern. Dein Aufbegehrenden fallen die eigenen Volksgenossen in den Arm; tatenlos müssen wir der Verhöhnung des Monarchen und der Regierung zusehen. Die Nation ist in drei Lager gespalten: in die strenggläubigen Katholiken, die sich den Deutschen Kaiser lediglich als einen Diener der Kirche Petri vorstellen können, iu die empörten Lutheraner, die mit Recht die Wurzeln der deutschen Kaisermacht in der Reformation erkennen, und in die unverbesserlicheil Schwärmer, die an die Möglichkeit der Aussöhnung zwischen Nömlingen und Lutherischen aus dem Boden deutsch-monarchischer Staatsgesinnung glauben. In dieser Dreiteilung der Nation liegt die Schwäche der Regierung, wenn wir die durch die Person des Kaisers geschaffenen Hemmnisse außer Betracht lassen. Die Regierung weiß nach den Erfahrungen Bismarcks, daß jeder Kampf gegen den Papst entweder zur Niederlage oder zur Trennung von Kirche und Staat führen muß. Sie fürchtet, daß die Trennung zwischen Kirche und Staat eine Anzahl von Autoritätsmomenten zerstören könnte, auf denen nach altpreußischer, auch von zahlreichen Liberalen getragener Auffassung die Monarchie beruht. Ohne uns an dieser Stelle an die Lösung des Problems wagen zu wollen, scheint uns unter den einmal vorhandenen Verhältnissen die vorsichtig abwartende Haltung die einzig mögliche, so sehr uns die Empörung zum Dreinschlagen treibt. Es ist an der Nation, die Meinung zu sagen, und zwar an deren katholischem Teil. Wir anderen, die Lutherischen, können einstweilen nur beiseite stehen und abwarten, wie weit unsere katholischen Volks­genossen geneigt sind, ihren Pflichten als deutsche Staatsbürger nachzukommen. Allein bei ihnen liegt die Entscheidung, ob die deutsche Monarchie aus dem ihr aufgenötigten Zwist unbeschadet hervorgehen soll oder nicht. Bisher sehen wir freilich noch nirgends in der Zentrumspresse eine Andeutung in der gezeigten Richtung; anch die deutsche Vereinigung, deren Hauptzweck es doch ist, den Ultra­montanismus zu bekämpfen, hat sich noch zu keiner Maßnahme veranlaßt gesehen. Nur die Mitglieder der katholischen Fakultät der Universität zu Münster haben den Mut gehabt, sich offen auf den deutschen Standpunkt zu stellen. Für heute sei das unheilvolle Thema verlassen. Es wird bei der zweiten Lesung des Etats im preußischen Landtage zweifellos erörtert werden und bis dahin werden sich auch die Meinungen darüber geklärt haben, welche Schritte zu tun sind, um eine