Maßgebliches und Unmaßgebliches
Literatur geschichtliches
„Die deutsche Literatur des neunzehnte» Jahrhunderts" von Richard M. Meyer
(Berlin, Georg Bondi, M. 12,60) liegt bereits in vierter Auflage vor. Die sehr anfechtbare Einteilung nach Jahrzehnten, die eine Gesamtübersicht über das Leben und Schaffen der einzelnen Dichter sehr erschwerte, ist einer solchen nach Grnppen und Richtungen gewichen; damit hat daS Werk zweifellos sehr gewonnen. Auch die äußerliche Neuerung, das; das noch umfangreicher gewordene Buch bei gleichem Preis jetzt in zwei handlichen, sehr vornehm ausgestatteten Bänden erscheint, ist ein wesentlicher Vorteil. Aus deu 24 Kapiteln hebe ich besonders das Kapitel „Zwei Meister" hervor, in dem Gottfried Keller und Theodor Fontane mit anszer- ordentlicher Lebendigkeit und Anschaulichkeit gezeichnet werden. Auch dort, wo man mit dein Verfasser nicht einer Meinung ist, folgt man seinen niemals trockenen, stets cmregeud vorgetragenen Ausführungen mit lebhafter Aufmerksamkeit. Überall zeigt sich die erstaunliche Belesenheit R. M. MeyerS. Wertvoll sind auch die am Schlüsse gegebenen „Annalen", eine nach Jahren geordnete Zusammenstellung der wichtigsten literarischen nnd für die Literatur bedeutungsvollen Politischen und kulturgeschichtlichen Ereignisse von 1800 bis 1909. h. F.
Das Kulturprolilem des Minnesangs.
Bon Eduard Wechßler. Bd. I: Minnesang und Christentum. (Bei Mar Niemeyer, Halle. 1909. M. 16,-.)
Wechßler hat mit fest zugreifender Hand ein Problem gefaßt uud eine Sache gestaltet, die mehr bedeutet als die bloße historische Erscheinung. Er tat es nicht — wozu moderne Schriftsteller so leicht verführt werden - - durch Vermischung von Grenzgebieten oder durch
übergroße Stoffnmssen nnd allgemeine Spekulationen, souoeru durch forschende Vertiefung der Sache selbst, einer Sache allerdings, die ein Jugendlich-Lebendiges, kcimhaft die Zukunft Enthaltendes, Gesamtgeistiges ist.
Im erste» Teil des Bandes legt Wechßler die realen Bedingungen des Frauendienstes dar. Schöpferischen Anteil am Minnesang haben die Provenzalen, die Deutschen und die Mittelitaliener. Ursprünglich ist der Minnesang nur ein Pauegyrikus des dienenden Sängers auf die fürstliche Herrin, sein Liebesverhältnis eine Fiktion, ein „LiebeSwahn". Gerade die stärksten Dichter waren in Gefahr, in das Lied ihre wirkliche Leidenschaft fließen zu lassen, aber der höfischen Form des Minnesangs entsprach das nicht. Wer über die liebenswürdige Artigkeit hinnnSging, ninßte fürchten, für die innstvoll nnsgesprochene Leidenschaft statt Dank nnd Lohn den Abschied zu erhalten. Verfehlt ist also die Beurteilung des Minnesangs als einer Ehebrnchspoesie. Der Minnesang war die Vorstufe des Guido Guinicelli, deSBeatrice- lultes der Vit-r nuova und der Lommoäis. Wohl besteht ein Gegensatz gegen die Ehe, aber er geht aus dein Bestreben hervor, die Stellung der Frau zu erhöhe», die Liebe zu veredeln. „Als ideelle Reaktion gegen den Zwang der Realität werden Nur denMinnesang am besten begreifen." Der frühe Minnesang ist also eine wesentlich romantische Erscheinung, womit durchaus zusammenpaßt, daß er immer in Gefahr ist, in Poesie mehr des Denkens als des Gefühls hinüberzngleiten. Anders gestaltete sich allerdings der Franendienst, nachdem eine Verschmelzung der früher stark eutgegongesetztcn frauenhaft - höfischen uud kriegerisch - ritterliche» LebenSideale eingetreten war. (Deutschland: Barbarossa. Nordfraukreich.)
Der zweite Teil ist unter dem Titel „Die Minne" zusammengefaßt. Im ersten Kapitel desselben weist Wechßler hin auf die tiefen