Gc'org Simmel
187
^M.
M
Georg Bimmel
Oon Friedrich Alafbevg-Lerlin
eorg Simmel kam? sich wie keiner der heute lebenden Philosophen rühmen, daß er den stärksten Einfluß auf die Zeitgenossen übt. Es gibt fast keinen unter den jüngeren, in unseren Tagen geistig Interessierten oder Tätigen, der nicht irgend einmal dnrch Simmel ^ hindurchgegangen wäre. Es ist nicht allein die akademische Jugend, die so gewaltig auf Simmel reagiert. Nein, die verschiedensten Elenrente, Männer und Frauen aus allen Schichten geistiger Bildung, geistiger Interessen und vor allein von der verschiedensten nationalen Herkunft, lasseu einmal ein Wort fallen, das auf ihr Verhältnis zu dem Philosophen deutet. Und daß es ganz besonders die heranwachsenden jungen Literaten sind, die sich an Simmel vollgesogen, ist nur symptomatisch. Ich nenne den noch nicht lange verstorbenen Walter Calö statt vieler.
Woher nun diese merkwürdige Erscheinung? Worauf gründet sich der ganz ungewöhnliche Einfluß dieses Mcumes? (Ich sehe natürlich hierbei ganz ab von seiner Wirksamkeit auf die viel zu vielen Männlein uud Weiblein östlicher Herkunft, die, kaum der deutschen Sprache mächtig, aus allen anderen, nur keinen wissenschaftlichen Gründen in die Kollegs Simmels strömen. Ich sehe auch ab von den vielen törichten Jünglingen und Jungfrauen deutscher Nation, die aus Sensationslust zu dem „Modephilosophen" laufen.) Mir scheint, es ist zunächst der so stark auf die Gegenwart gerichtete Blick Simmels, der seine Wirkung ausmacht, seine Vorliebe für die sozialen und ethischen Fragen unserer Zeit, denen die Fachgenossen nur allzu gern aus dem Wege gehen, seine differenzierte, feinnervige Art, mit der er diese komplizierten Probleine aufschürft. Dazu kommt die ans Unwissenschaftliche grenzende Selbständigkeit seines Urteils. Ohne Rücksicht auf andere Meinung legt er seine Auffassung dar, er weiß den Dingen stets eine Seite abzugewinnen, die abseits liegt von der Heeresstraße der geltenden Anschauungen.
Dann ist es aber noch die merkwürdige Verknüpfung ästhetischer und philosophischer Begabung, die ihm eignet uud ihn aus der Masse hervorhebt. Simmel ist weder reiner Künstler noch reiner Philosoph, aber er ist eine Mischung dichterischer und denkerischer Fähigkeiten von seltenster Prägung. Er ist von leidenschaftlicher Reizbarkeit für die Dinge der Kunst, nach dem künstlerischen Erlebnis aber von überlegenster Kälte, durchdringendster Schärfe des Intellektes — und dadurch besiegt er die Jugend! Um so merkwürdiger freilich ist diese Wirksamkeit, wenn man an Simmels Schreibweise und Vortrag denkt. Mit den Gesten des Rabbiners, schwer arbeitend und unendlich mühsam wälzt er lcmgscnn die Gedanken heraus. Und doch liegt ein mystischer Zauber in der