Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Schöne Literatur
Aus dem Nachlasse Josef Schichts. In
den erste» Junitngeu des Jahres 1909, nls die warmen FrühlingSstrahlen leise in den Summer leuchteten, starb im Lenze seines Lebens unter unsäglichen Schmerzen und im Vollbewnßtsein seiner gebrochenen Lebens- und Schaffenskraft ein Wiener Dichter, dessen Gedichte ein lebhaftes Echo in dem größten tschechischen Dichter, Jaroslnw Vrchlickh, weckten, der ihn übersetzte nnd sein Freund wurde, Josef Schicht hat nach langer schwerer Krankheit sein ernstes, mühseliges, sturm- gepeitschtes Poetenleben ausgehaucht. Ein hochbegabter Lyriker ist mit ihm zu Grabe getragen worden. Der Schwermut tiefster Hauch weht durch alle seine Lieder, Nus dem jugendlichen Träumer wurde ein echter Dichter, der seine tiefempfundenen, wundersame» Lieder sang, mit jenem Klänge, der nicht feiner, süßer Geigenton, sondern schwärmerischer, traurig- tiefer, schwer vibrierender„Celloton amAbend" ist. Am Abend! Er fühlte, daß es Abend geworden sei, für ihn, der kaum den Mittag des Lebens erreicht hatte I Jeder klopfende Pulsschlag wurde ihm zur Dichterträne, die manch iiefes Leid benetzte, und aus der auch die Liedwellen Herbordrangen zur Melodie der Lebensbejahung,
Einem Inge deutschen Geistes folgend, harrte er, wie wir aus seineu reifsten nnd besten „Letzten Liedern und Balladen" ersehen, die bon seiner Frau herausgegeben und im Verlage von Stnackmann in Leipzig eben erschienen sind, bis zum letzten Atemzuge aus; er schuf in dunkeln Nächten, die allein ihm der Berns übrigließ, rastlos nnd unentwegt, n»f daß sein Tng in der bangen Nncht der Schmerzen nicht ungenützt untergehe, und sein reicher Genius fand hohe Befriedigung, wenn die todeswnnde Seele sich von ihrem Marterpfahle ein Weilchen losband. Er trug aber uicht nur das eigene Weh, sondern mich das Weh der Menschheit, -denn in seinem goldenen Herzen wohnte die allcKreatnren umschlingende Liebe. Ans dieser Liebe zur Gesamtheit entstand das tiefergreifende Gedicht „IZcce Iiomo":
Der Schmerzensmann in seiner Mauernische,
Umzuckt vom kargen Allerseelenlicht,
Mit dem entstellten Tvtenangesicht
Und seiner Wunden Frische —
O, wer zu dem verstcinten Schmerz der
Den Blick erhebt, sSchmerzen
Erlebt
Glühende Qual im eignen Herzen.
Die ihm gefolgt, die ihn geliebt,
Wo sind sie jetzt? Nicht einer gibt
Mehr einen Halm für ihn, sie sind entfloh',,.
Und nur der Haß ist laut, der Hohn.
O, wer Menschen trnnt,
Ans Mensche» baut!
Als ein begeisterter Bewunderer des Fortschritts übersieht er nicht die Kehrseite der Medaille. Erschütternd ist die Klage, daß der Weg zur Höhe über Leichen führt, der Pfad zum sieghafte» Fortschritt mit Blut besprengt ist, die Lösung der sozialen Frage mit den modernen Erruugcnschaften nichts weniger als gleichen Schritt hält.
Merkwürdigerweise fehlt es dem todkranken Dichter nicht ganz nn Humor, wie die Ballade „Des armen Ehemanns Himmelfahrt" zeigt. Und wie tragikomisch ist der Tod, der seinen Besuch kündet, als Gentleman, als Kavalier vom Scheitel bis zur Zehe geschildert! Schicht verfällt auch, obwohl das Leben von Schlag zu Schlag ausholt, uns zu Bettlern stempelt, denen invrgen, tuen» dnS für heute reichende Brot ausgegangen, die Sintflut oder der Weltuntergang kommen mag, nicht dem Weltschmerz, denn er feiert stets „Ostern der Liebe"; gegen den erdentrückten Pessimismus spielt er den stärksten Trumpf aus, die unwider- legliche Tatsache, daß selbst der in starre Traner Versenkte angesichts des Todes des Daseins starken Zanber Preist,
Und noch ein anderes köstliches Juwel hat nns der Dichter hinterlassen, das von seiner künstlerischen Vielseitigkeit beredt Zeugnis ablegt, deu tragischen Akt „Agnmcmnvn", der die mächtige dramatische Begabung, die große bildnerische Kraft, die edle Leidenschaft des gebrochenen, vom Tode gezeichneten Dichters, seine energische, bohrende, tiefschürfende Charakteristik, seine farbenreiche, sein prägende Sprache bekundet. Dr. B. Münz-Wien