Rcichsspiegel
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Reichsspiegel
(Vom 2, bis 8, Januar 1911.)
Politik
Neichsbote und Zentrum — Der deutsche Arbeiter — Gefahr des UltrnnwntanismuS — Rom und die Kirchemmum — Neue Lohnkämpfe iu Sicht — Gewerkschaften und Unternehmer,
Es beginnt zn tagen! Nun sieht sich auch der Reichsbote zu dem Bekenntnis gezwungen, zu dem sich nach und nach evangelische und katholische Kreise, denen ihre germanische Kultur teuer ist, schon längst bekehren mußten. Neben der sozialdemokratischen Gefahr besteht eine größere, die ultramontanc. „Wenn nur die Erwägung die Regierung untätig macht, daß man in Deutschland das Zentrum im Kampfe gegen die Sozialdemokratie nicht glaubt entbehren zu können und darum lieber ruhig zusieht, wie ein anderer großer Teil des Volkes dem Vaterlande entfremdet werden soll, so ist das ein verhängnisvoller Trugschluß; denn so schwer auch die Gefahren sein mögen, die von der Sozialdemokratie drohen, diese wird sich an ihrer stetig wachsenden Begehrlichkeit schließlich selbst verbluten. Was aber Rom erst in neue geistige Fesseln geschlagen hat, daran kranken die Völker jahrhundertelang, und deshalb ist der Preis der römischen Knechtschaft zu hoch, wenn nur um diesen die Abwehr der Sozialdemokratie möglich wäre."
So schreibt das Blatt unserer positiv gerichteten Pastoren!
Diese Äußerung an dieser Stelle ist gerade im gegenwärtigen Augenblick von erheblicher Bedeutung. Nach den Experimenten und nach aller Agitation, die seit zehn Jahren getrieben wurde, um die Sozialdemokratie zu bekämpfen, hatte sich in den wohlhabenderen Schichten der Bevölkerung der Blick getrübt für alles, was soziale Organisation heißt. Man ist so weit gegangen, die überwältigende Mehrheit des deutschen Volks der Vaterlaudslosigkeit, des Republikanismus und noch mancher anderer Staatsverbrechen zu zeihen, lediglich, weil sie sich im Kampfe um ihre materielle und politische Besserstellung gerade der Mittel bedienten, die ihnen geboten wurden. Diese Mittel stammten nun freilich aus der Hexenküche der internationalen Sozialdemokratie. Doch war dies nicht als eine Schuld der deutschen Arbeiter zu verbuchen. Die Hoffnung, daß die Arbeiterschaft sich auch in Deutschland in politisch neutralen Organisationen zusammenschließen würde, mußte schon im Jahre 1869 aufgegeben werden. Die Arbeitgeber standen der Gewerkschafts, bewegung aus bekannten materiellen Gründen feindlich gegenüber. Die gesamte Literatur wurde aber einseitig durch die Führer der Sozialdemokratie besorgt. Dementsprechend vermochten auch die rechtsstehenden Parteien der Frage nicht mit der notwendigen Sachlichkeit gegenüberzutreten; bei ihnen verband sich der Begriff der nationalen Wirtschaft fast ausschließlich mit der individuellen Be- tätigung des Unternehmers. Einige Zweifel in die Richtigkeit solcher Auffassungen
Grenzboten I 1911 > J