Maßgebliches und Unmaßgebliches
Biographien und Brief wechsel
Mit tiefer Liebe und bewundernswertem Fleiß hat Paul Warncke, der sich als Herausgeber des „Kladderadatsch" manchen Freund, aber vielleicht auch manchen Feind gewonnen hat, die Doknmente und Erinnerungen über Reuters Leben und Schaffen zusammengetragen und damit ein kultur- und literarhistorisch gleich wertvolles Bild von wunderbarer Klarheit und Lebeuswahrheit geschaffen. (Fritz Reuter. Woails hei lewt un schrewc» hett. Verteilt von Paul Warncke Mit vele Biller. Berlin, bei Meyer u, Jessen.Preis 3 M.) Nicht nur Lichter malt der Verfasser, er verschweigt auch nicht die Schattenseiten im Charakter und der Lebensführung des Dichters; aber alles kommt so richtig „tau Platz", daß am Schluß ein ganzer Kerl, unser lieber, kerniger Fritz Renter dasteht. Der gemüt- und humorvolle Ton, der seine Werke so anziehend macht, ist hier mit Meisterschaft getroffen. Oft meinen wir unsern „Fritzing" selbst zu hören. In dem Kapitel „Sllernhus un Kmnerjohren" tritt uns der Vater des Dichters als „Sülwstherrscher" und Bürgermeister von Stavcnhagen leibhaft entgegen. „Hei was M Kirl von baben bet unnen, von Ur tau Enn', en Mann mit klore Ogcn un hellen Kopp, mit 'n fasteS Hart un mit 'ne Jsenhcmd." Diese Eisenhand hat oft schwer auf dem Jungen gelegen; „up dit Mag hett de Oll de Sak nich up 't richtige Eun' cmsnäden." Besserverstnndes„sinMudding", eine kränkliche, stille Frau, den Sohn zu lenken, den wir in dem Buche durch seine „Schaultid" und die ziemlich zügellosen Studentenjahre in Rostock und Jena begleiten, bis die Katastrophe herein
brach und er als „Königsmürder un Thrvn- ümstöter" zum Tode verurteilt, dann aber zu dreißig Jahren Festungshaft begnadigt wurde. „De Utsicht was slimm, de Jnsicht was slimmer." Anschaulich wird die martervolle „Festungstid" geschildert, die wir ja auch aus Reuters eigenen Werken kennen, in denen er „Fiegen von den Diesteln Plückte". Es folgt die ruhelose „Stromtid," die endlich in der Verbindung mit seinem „Lowising" Kuntze uud dein Umzug nach Treptow n. d. Tollense ihr Ende findet. „Hei treckte er den Schaul- meisterrock an." Allmählich kam Reuter uun zur Schriftstellerei, uud aus dein ehe- maligen„KönigSmürder" wurde bald der vielgelesene Humorist und beste plnttdeutscheDichter. Wir sehen seine behäbige, untersetzte Figur Plastisch vor Augen, wie er nach den ersten klingenden Erfolgen treuherzig zu seiner Frau sagt: „Das versprochene Seidenkleid nehmen wir vom allerbesten End', mein liebes Wiesing, aber die Fische brätst du mir von jetzt an nicht mehr in Wasser, sonst —-". Das War denn auch uicht mehr nötig, denn Reuter wurde uicht nur berühmt, souderu auch begütert. — Unter den vielen zum hundertsten Geburtstag Reuters erschienenen Büchern ist Wnrnckes Biographie die erschöpfendste. Sie kommt dem Geist des Dichters am nächsten und zeigt in dessen eigener Sprache am treuesteu, „woaus hei lewt un schrewe» hett". w. Z. R.
Tolstois Briefe. Das Schlagwort der Mode, das „Psychologisch Interessante", vermag, trotz aller Mißverständnisse und hohlen Phrasen, die es deckt, den wahren Kern unseres Erkenntnisstrebens nicht zu entstellen; unser ernstes Bemühen richtet sich gegenwärtig vor