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Das Heimntsgefnhl der Brüder Grimm
Das Heimatsgefühl der Brüder Grimm
<Lin lveihnachtsblättchen
Vor fast fünf Jahren starb in Wien ein Mann, den in der Kaisorstadt an der Donan jedes Kind kannte, dessen Name in Dentsch- land aber so gut wie unbekannt geblieben war: Ludwig Speidel. Er schrieb in der „Neuen Freien Presse" über neue Werke der Dichtung, der bildenden Kunst; er galt als der erste Theater- und Musikkritiker Wiens; durch vier Jahrzehnte gehörte sein Feuilleton zum vollen Behagen eines Sonntags, und seine Kritik wurde tatsächlich mit nicht geringerer Spannung erwartet als die Aufführung der Premiere selbst. Zu seinen Lebzeiten hat Speidel sich stets geweigert, eine Sammlung seiner besten Aufsätze zu veranstalten, obwohl man ihn oft darum bat. Er nannte einmal das Feuilleton „die Berühmtheit eines Tages"; aber vieles von dem, was er geschrieben hat, ist wert, den Tag zu überdauern. Wir begrüsM es daher, dasz der Bering von Meher u. Jessen in Berlin nunmehr die Herausgabe ausgewählter Essays Speidels unternommen hat. Bislang sind zwei Bände veröffentlicht: „Persönlichkeiten" und „Wiener Frauen uud anderes Wienerische". Dem in diesen Tagen erscheinenden dritten Bande „Heilige Zeiten. Weihnachtsfeuilletons" ist der hier folgende Aufsatz entnommen. (Die Schriftltg.)
ie Brüder Grimm, Jakob und Wilhelm, kennt die ganze deutsche Welt, von den obersten Höhen geistiger Bildung durch das Frauengemach hindurch bis hinab in die Kinder- und Schulstube. Sie haben die Kinder- und Hausmärchen gesammelt aus dem Munde des Volkes, ja nicht nur gesammelt, sondern, indem sie mit dichterischem Sinne die epischen Gesetze dieser Gattung durchfühlten und erkannten, haben sie uns die Märchen weich, warm und zutraulich an das Herz gelegt. Wer diese Märchen in sich aufgenommen, kann Deutsch, und auch das tiefe Gefühl, woraus sämtliche Werke der Brüder Grimm hervorgegangen: das Heimatsgefühl, wird er aus ihnen kennen gelernt haben. Die prächtigen Worte Vaterlandsliebe und Patriotismus möchten wir, wenn wir von den Brüdern Grimm sprechen, nicht in Anwendung bringen, weil bei ihnen das Gefühl für ihr Volk im Engen nnd Engsten wurzelt, in dem kleinen Lande, dem sie angehören, in dem heimatlichen Winkel, wo sie geboren, in der Stadt und Stube, da sie gelebt haben. Selbst wenn sie sich zur höchsten Vaterlandsliebe aufgeschwungen, kehren sie gern in ihre Furche zurück und vollenden da, der Lerche gleich, den Lobgesang eines Liedes, das sie in die Höhe geschmettert haben. Zumal an Jakob, dem stärkeren, mutigeren, vordringenderen der beiden Brüder, fällt diese Sitte auf, und Wilhelm läßt sich nur durch den alteren, aber feurigeren Bruder zu kräftigeren Kundgebungen der Gesinnung mit fortreißen. In Leben und Wissenschaft ist Jakob die trotzigere uud bahnbrechende Natur. Wo er den Pflug ansetzt, drückt Jakob ihn tiefer ein, so daß der Brvdem der Erde hervorbricht und sich die Schollen schwer und langsam, als wollten sie sich eine Weile besinnen, zu beiden Seiten niederlegen. Ein Bahnbrecher, schaltet Jakob mit Axt und Pflugschar, während Wilhelm mehr Gärtnernatur ist, der auf dem schon gerodeten Erdreiche ihre zierlichen Beete anlegt, sie sorgsam wartet und still begieszt. Jakob wühlt neue Schöpfungen aus dem Boden hervor, eine Grammatik, die Mythologie,
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