Beitrag 
Im Flecken : Erzählung aus der russischen Provinz : viertes Kapitel : eine Landpartie
(1)
Seite
223
Einzelbild herunterladen
 

Im Flecken

Lrzählung aus der russischen Provinz von Alezander Andreas-v, Reyher

Viertes Kapitel: Eine Landpartie (1) Die Junisonne begann ihre ersten Strahlen zu versenden, vergoldete die Kuppeln der Stadtkirchen und rötete die Wipfel der Tannen an der Chaussee, als ein mit zwei mageren Pferden bespannter Postwagen sich dem Flecken näherte. Auf dem Vordersitze, der aus einem quer über die Seitenwände liegenden Brett bestand, kauerte der Postillon in einem schmutzigen, mit einem Strick umgürteten Hemde und auf dem Kopfe mit einem kleinen Hütchen, hinter dessen Band einige Pfauenfedern aufrecht eingesteckt waren. Den Hintersitz einen auf einem Strick­geflecht ruhenden Strohsack nahmen zwei frische, hübsche Mädchen in der ersten Blüte der Entwicklung ein, das eine gebräunt, mit fast schwarzem Haar und sinnigen dunklen Augen, das andere blond, bereits zur Fülle geneigt, mit einem fröhlichen lachenden runden Gesicht, das durch die etwas emporgezogenen Brauen einen leichten Zug von ja, was konnte der Zug andeuten? Leichtfertigkeit oder Rücksichtslosigkeit? Gewaltsamkeit oder Selbstsucht? Vielleicht von allen diesen Sachen ein wenig, ein ganz klein wenig, und auch das erst sür die Zukunft. Die Blonde war Marja Titvwna Botscharow, die Tochter des ersten Mannes kaufmännischen Nation" des Fleckens, der drei Stationen von der Gonverne- wentAstadt lag, und ihre Gefährtin war Olga Andrejewna Schejin, die Tochter °es Hauptmanns außer Dienst, der im vorletzten oder, von der Gouvernements­stadt gerechnet, im zweiten Hause des Fleckens an der Chaussee wohnte und das letzte oder, wieder von der Gouvernementsstadt gerechnet, das erste Häuschen an den jungen Hilfslehrer Okolitsch vermietete.

War es nicht ein prächtiger Einfall von mir, Olga, die Direktrice zu über­reden, daß sie uns gleich nach Hause entließ, sobald die Examen beendet waren! Was hätten wir noch eine ganze Woche dort anfangen sollen! Eingemauert wie un Kloster, ohne Beschäftigung, ohne Zerstreuung, und zuletzt noch die langweilige Abschiedsrede des Direktors! Pfui, widerlich! Weißt du, Liebchen, mir Wirdübel wenn ich an die Reden des Direktors denke, die wir jedes Jahr angehört haben, wenn er unsere Vorgängerinnen entließ. Was sage ich, Reden! Immer eine und dieselbe Rede, jährlich aufgewärmt und jährlich immer schlechter gesprochen. Es war jedesmal.. ."

Er meint es gut dabei." schaltete Olga ein.