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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel Berlin. 16. Oktober 1910.

Kakophonien Aehrenthals Expose Hundert Jahre preußischer Wissenschaft.

Die parlamentslose Sommerzeit schließt für ganz Europa mit häßlichen Miß­tönen. In Portugal hat die Revolution einen Königsthron beseitigt, in Frank­reich offenbart die sozialistische Partei durch den Eisenbahnerausstand aller Welt die anarchistischen Grundtöne ihres Wesens, in Deutschland sucht die Sozial­demokratie ihren im Werftarbeiterstreik errungenen Sieg bis aufs äußerste aus­zunutzen. Auch der Anfang der winterlichen Parlamentsarbeit setzt mit einem Mißton auf internationalem Gebiet ein.

In der ungarischen Delegation hat der Minister des Äußern ein Expose vorgetragen, das sich mit der Annexion Bosniens und der Herzegowina während der abgelaufenen Delegationssession befaßt. An sich bringt der Bericht kein Material bei, das nicht schon allgemein bekannt wäre. Wie alle solche Not-",Blau-" undGelbbücher", enthält auch das ungarischeRotbuch" dem Sinne nach längst bekannte Dokumente und es hat einen praktischen Wert eigent­lich nur deshalb, weil dadurch der Publizistik die authentischen Texte gewisser historischer Schriftstücke zur Verfügung gestellt werden. Auch der Festigkeit des Dreibundes ist gebührend gedacht worden, ja, wie dieDeutsch-Nationale Korre­spondenz" schreibt, mit besonderem Nachdruck. In dem harmonischen Ganzen wirkt um so befremdlicher eine Bemerkung über die Ursachen des Krieges von 1866, die dahin gedeutet werden muß, daß man gegenwärtig in den amtlichen Kreisen der Habsburgischen Monarchie die Auffassung hegt, Bismarck habe damals denKonfliktsfall geradezu künstlich geschaffen". Im Munde eines Franzosen oder Russen würde uns der hiermit nicht nur gegen Bismarck, sondern auch gegen König Wilhelm den Ersten erhobene Vorwurf nicht sonderlich überraschen. Dient doch eine vielbändige Publikation des französischen Auswärtigen Amts kaum einem andern Zweck als dem, Bismarck für die Kriege, die die Einigung des Deutschen Reichs herbeigeführt haben, verantwortlich zu machen. Unter gewissen höchst real­politischen Gesichtsvunkten mag Frankreich ein Recht dazu haben, die deutsche Politik zu diskreditieren und gegen sie Mißtrauen zu säen. Welche Ursachen könnten aber unsern nächsten Bundesgenossen dazu bestimmen? Soll der Wunsch Frankreichs, Preußen möge seine Archive über die letzten Kriege schon jetzt öffnen, unterstützt werden? Nun, dazu scheint uns das aufgefahrene Geschütz zu grob. Wünscht Herr Graf Aehrenthal anzuzeigen, daß er auch mit der gegenwärtigen Tätigkeit unserer politischen Organe nicht einverstanden ist? Angesichts seines Ausfalles gegen unsere Diplomatie erregt eine Unterlassung Bedenken, die wir sonst nicht hervorzuheben brauchten. Graf Aehrenthal kommt in seinen sonst recht ausführlichen Darlegungen mit keinem Wort auf die Unterstützung zurück, die seine Politik in Berlin gefunden hat. Nachdem von Deutschland aus so oft, kürzlich durch den Kaiser in Wien, auf jenen Beistand hingewiesen wurde, hätte es Aehrenthal wirklich nicht mehr nötig gehabt. Nun er sich aber die unfreundliche Kritik erlaubte, mußte er, um Mißverständnisse und Unklarheiten zu verhindern, den in der jüngsten Zeit geleisteten Dienst hervor­heben, dennsehr leicht entspringen Verwicklungen aus unklaren Zuständen". Wir hoffen, daß Herr von Kiderlen-Wächter sich mit Herrn Graf Aehrenthal über den Sinn von dessen Bemerkung verständigen wird. Das dürfte um so leichter