Beitrag 
Im Flecken : Erzählung aus der russischen Provinz : erstes Kapitel : auf der Landstraße.
Seite
81
Einzelbild herunterladen
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

81

Okolitsch hatte sich umgekleidet, hatte das Gewehr abgetrocknet, saß mm mit der Mutter bei der brodelnden Teemaschine im Zimmer und erzählte von seinem Mißgeschick. Von seinen in der Küche ausgehängten Kleidern stieg Dampf auf und Boi wälzte sich wohlgefällig zu den Füßen seines Herrn aus dem Rücken.

Ich glaubte schon, daß der Abend schlecht werden und du nichts schießen würdest," sagte die Mutter.Und zuletzt noch das Wandern durch den Wald in der Dunkelheit I Mir wird ganz unheimlich dabei, Vorenka."

Tut nichts, Muttchen," versetzte er lustig.Schön war es doch. Siehst du, das ist Leben. Dabei fühlt sich der Mensch. Das ist etwas anderes als das Sitzen in dumpfen Stuben beim Kartenspiel oder gar bei inhaltlosein Gesellschaftsgeschwätz."

Ja, ja, das ist richtig," meinte sie,aber gefährlich sind diese Wanderungen doch."

(Fortsetzung folgt.)

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspicgcl Berlin, 9. Oktober 1910.

Revolution in Portugal Ratschläge derKreuzzeitung" Antisemitismus und Konservative Waffenstillstand in der Metallindustrie Aehrenthal in Turin Jswolskis Fiasko.

Die recht laut geführten Erörterungen über die innerpolitischen Fragen sind am Anfang unsrer Berichtswoche plötzlich verstummt vor der kurzen Meldung aus Lissabon, daß die Portugiesen ihr Königshaus verjagt und die Republik aus­gerufen haben. Wohl ist man in den unterrichteten politischen Kreisen schon seit Jahren auf den Eintritt des Ereignisses gefaßt; aber man hat die so oft angekündigte und wieder abgesagte Revolution doch nicht in diesem Augenblick erwartet. Überdies hat man bei uns in Deutschland der Möglichkeit des Gelingens einer Revolution in romanischen Staaten überhaupt mit einer gewissen Skepsis gegen­übergestanden. Man hält die romanische Rasse sür degeneriert und unfähig, sich aus dem tatsächlich eingetretnen wirtschaftlichen und staatlichen Versall empor­zuheben. Diese Auffassung gilt in Deutschland wohl auch noch heute besonders in konservativen Kreisen, die die verächtlichen Urteile über fremde Nationen 26 abZurcium geführt haben. Es sei an das erinnert, was in der rechtsstehenden Presse über Russen und Türken berichtet wurde und wird. Mit welcher nationalen Selbstüberhebung wurde bei uns über die beiden Völker geurteilt, wie wurde es versucht, ihre Erhebungen lächerlich zu machen. Dennoch haben beide Völker es verstanden, Wege zu betreten, die nach aller menschlichen Berechnung zur Wieder­geburt führen müssen. Über den Verlauf der Revolution in Portugal liegen ein- wandfreie Berichte noch nicht vor. Die Veröffentlichungen der neuen Regierung scheinen uns vor allen Dingen von der Absicht getragen, das Ausland zu beruhigen und mit Vertrauen in die neuen Verhältnisse zu erfüllen. Infolgedessen treten in ihnen auch die wahrscheinlich vorhandenen inneren Schwierigkeiten nicht genügend hervor. Aber das läßt sich schon heute erkennen, daß ähnlich den Jungtürken die Grenzboten IV 1910 >t