Römisches, Allzurömisches
Von einem deutschen Katholiken
s ist das erstemal, daß ich vor einer breiten, wohl zum größten Teile nichtkatholischen Öffentlichkeit über Angelegenheiten des Katholizismus spreche. Meine tiefinnere Scheu davor kann nur der ganz verstehen, der inmitten der Ströme steht, die gegenwärtig die katholische Welt hin und her durchfluten, und der sich noch dazu mitverantwortlich suhlt für das äußere Anseheu des deutschen Katholizismus. Während des unschlüssigen Beratens mit mir selber spielte mir der Zufall ein älteres Heft der „Grenzboten" (vom 7. Oktober 1909) in die Hand, mit einem Artikel des Nürnberger Stadtpfarrers Schiller, der bekanntlich auf evangelischer Seite am eindringlichsten den konfessionellen Frieden predigt. Die erueute Lesuug des Artikels hat mich endgültig bestimmt, mich zu den vuigsten Ereignissen im Katholizismus offen und uugeschminkt zu äußeru. Schiller begnügt sich nicht mit einer kühlen „bürgerlichen Toleranz"; freilich will er auch keine grundsatzlose Verwischung der konfessionellen Unterschiede, ^r will einen positiven Frieden in christlicher Liebe, er will ein wetteiferndes Zusammenwirken im Geiste Christi, er will ein gegenseitiges Verstehen und würdigen. Schiller ist gewiß der Überzeugung, daß dies positive Friedensverhältnis nicht nur dem Vaterland, sondern auch seinem evangelischen Bekenntnis ZU wünschen wäre. Auch ich als Katholik sehe ein, daß der unablässige Kampf, der aus gegenseitiger Verschlossenheit und Ablehnung hervorgeht, wertvolle Kräfte der katholischen Kirche an der Entfaltung hindert, ja auf die Dauer ertötet.
Auf welcher Seite das tiefere Verständnis sür die andere Konsession ist, das entzieht sich der Untersuchung. Ganz klar sehe ich aber ein, daß der heutige Katholizismus den Andersgläubigen, sogar bei dem größteu Wohlwolleu, das ^erstäudnis sehr schwer macht. Wie mag zum Beispiel Schiller ratlos vor all
Gren^boien III Iglv 70