Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 11. September 1910.
Sammlungsversuche — Gründe für sozialdemokratische Siege — Mehr Fürsorge der schulentlassenen Jugend — Der Wert des Hansabundes.
Nach den Kaiserreden zu Königsberg und iu der Marienburg kehrt das politische Lebeir allmählich wieder iu seine alten Bahnen zurück. Von den Verdrehungen der Königsberger Rede lebt nur noch die Demokratie, über den Marien- burger Aufruf zur Sammlung beginnt zwischen Konservativen und Nationalliberalen eine ernsthafte Unterhaltung. Die „Kölnische Zeitung" ergreift gern die Gelegenheit, um die Vorteile der früher bewährten Freundschaft zwischen den Rechtsparteien zu unterstreichen. Der „Hannoversche Courier" warnt vor einem Frieden, dem nicht ein Sieg vorangegangen wäre; die „Tägliche Rundschau" kann begreiflicherweise nicht vergessen, wer die Hauptschuldigen an der heutigen politischen Lage sind, und die „Kreuzzeitung" zaubert den Liberalen paradiesische Zustände vor die Augen, wenn sie sich nur vertrauensvoll in die Fesseln des Bundes der Landwirte begeben. Dabei kann man sich aber des Gefühls nicht erwehren, als habe Frau Sorge dicht neben dein konservativen Wochenschauer gestanden. Ja, was soll aus der konservativen Partei werden, wenn sie ohne nationalliberale Unterstützung in die nächsten Wahlkämpfe gehen muß? Im übrigen steht die politische Stimmung im Lande unter dem frischen Eindruck einer Meldung (vielleicht eines Versuchsballons?) der „Frankfurter Zeitung". Das Blatt behauptete kürzlich, der Herr Reichskanzler habe endlich eine Wahlparole gefunden und sie im vertrauten Kreise bekanntgegeben. Nach dem Bericht des demokratischen Blattes lautet sie: Zusammenfassung aller positiv schaffenden Stände zum Schutz der uatioualen Arbeit. Die „Tägliche Rundschau" scheint uns die Meldung durchaus richtig aufzufassen, wenn sie in ihr keine Überraschung sieht, gleichgültig ob es sich nur um eine Kombination oder um eine Tatsache handelt. Mit andern Worten hat der Kaiser dieselbe Parole aus der Marienburg ausgegeben, als er sagte: „Der Landwirt schlage in die Hand des Kaufmanns ein, dieser in die Hand des Industriellem Der Zugehörige einer Partei ergreife die Hand des Andersgesinnten, wenn es darauf ankommt, Großes für unser Vaterland zu leisteu. Und eine Konfession trage die andere mit Liebe." Wir selbst haben von einer Seite, die Gelegenheit gehabt haben konnte, die Absichten des Reichskanzlers keimen zu lernen, eine ähnliche Parole gehört; nur war sie im Januar in die Worte gekleidet: Kampf gegen die Sozialdemokratie und gegen die freihändlerischen Tendenzen.
Wir meinen, eine unter so einseitig wirtschaftlichen Devisen eingeleitete Politik dürfte nicht als SammlungsPolitik bezeichnet werden. Denn gerade über den Begriff des Positiven in der Wirtschaft gehen die Ansichten der in der Wirtschaft