Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin. 21. August 1910.
Posener Siegesfeiern — Zur Elsasser Frage — Bedeutung der Sozialdemokratie für die innere Politik.
Gestern, am 20. August, ist der Deutsche Kaiser in die neue Burg zu Posen eingezogen. Festliches Gepränge umgab ihn, — vor allen Dingen aber militärisches. Die ganze Feier trug den Stempel eines Siegesfestes, bei dem der Sieger dem Unterlegenen noch einmal seine stattliche Macht vorzuführen strebte, um dann —
ja, — warum?---um dann die Versöhnung folgen zu lassen. Dem
Sieger steht es zu, die Hand zum Frieden zu bieten und die Wege zur innern Aussöhnung zu weisen. Nachdem also der siegreiche Herrscher in die Burg zu Posen eingezogen ist, müssen wir logischerweise erwarten, daß die preußische Ostmarkenpolitik in Zukunft versuchen wird, die Wunden zu schließen, die sie angeblich den Bewohnern der Ostmark geschlagen hat. Wo zeigen sich diese Wunden? Soweit wir im Lande Umschau halten, ist von solchen Wunden nichts zu bemerken. Wer die Ostmark seit mehr als zwanzig Jahren kennt, hat vor seinen Augen ans kultureller und wirtschaftlicher Versumpfung Reichtümer erstehen sehn, wie sie vordem Posen und Westpreußen nicht gekannt haben. Der Großgrundbesitz, dessen früherer Rückständigkeit wir in allererster Linie den Niedergang des Deutschtums im Osten zu danken haben (Näheres s. „Grenzboten" von 1908, Heft 81.33,35.37). ist wieder mächtig emporgekommen und die große Masse der Bevölkerung, Deutsche undPolen. lebt unter so günstigenwirtschaftlichenVerhältnissen. wie sie vor noch gar nicht langer Zeit geradezu als unmöglich galten. Mit einem Wort, die preußische Regierung hat ein kulturelles Friedenswerk allerersten Ranges geleistet. Ein solches Friedenswerk kann kaum die Veranlassung zu militärischen Siegesfeiern bieten, um so weniger aber, wenn es nicht beendet ist. Das Kulturwerk im Osten liegt erst im Fundament vor uns. Die schwerere und langwierigere Aufgabe, auf dem wirtschaftlichen Fundamente den deutschen Kulturbau aufzuführen, trotz ultramontaner, international-freisinniger und polnischer Gegenwehr, ist noch zu leisten. Der eigentliche Kampf fängt somit erst recht an. Aus diesem Grunde fragen wir noch einmal, wozu die Siegesfeier in Posen inszeniert wurde?
Die Burg soll eiu Symbol sein dafür, daß Posen deutsch geworden ist. Bei der Übernahme des goldenen Burgschlüssels aus der Hand des Oberbürgermeisters von Posen Dr. Wilms, sagte der Kaiser:
„. . . Wir freuen uns, in unserer jüngsten Residenz, zu der ich die Stadt Posen hiermit erhebe, Aufenthalt zu nehmen, um fortan zu ihren Bewohnern in nähere Beziehungen zu treten. Möge dre Bürgerschaft Posens sich beim Anblick dieser machtvollen Pfalz stets des