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Hans Memling
Mittelalter benutzte für seine Wandmalereien die Freskotechnik, die schon für die Arbeit selbst die größten Nachteile hatte und wirkliche Farbenreize sehr erschwerte, die aber auch der Erhaltung'der Werke so ungünstig war. Das ganze fünfzehnte Jahrhundert stand in Rom und Florenz unter der Herrschaft des Fresko und für Staffeleibilder der Tempera, ja diese Technik dauerte noch weit darüber hinaus, als in Venedig schon die Ölmalerei ihren Siegeseinzug gehalten hatte. Die mittelalterlichen Miniaturen auf Pergament und Papier sind jahrhundertelang eine Zuflucht für die edle Kunst gewesen. Die Temperatechnik war ein großer Fortschritt. Mit Eigelb, Leim, Honig ließen sich Farben auftragen, die nicht wie die Freskobilder von dem ätzenden Kalk angegriffen wurden. Die Malwelse war mannigfaltig, bei den einzelnen Künstlern auch sehr verschieden. Nach dem flämischen Kunstschriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts kam das Malen mit Leim und Eiweiß von Italien nach den Niederlanden. Ist das wahr, so haben diese ein königliches Gegengeschenk gemacht, die Ölmalerei. Spuren davon, daß man in burgundischen Ländern schon von den Brüdern van Eyck Öl zum Binden der Farben benutzte, sind sicher vorhanden. „Aber", so sagen Crowe und Caralcaselle, „die Ölmalerei, wie sie sie verstanden, beschränkte sich keineswegs auf die Mischung von Farben mit Öl und die teilweise Anwendung solcher Farben auf Tafelbildern. Sie bedeutete vielmehr den Gebrauch eines neuen Bindemittels überhaupt, welches wahrscheinlich auch Firnisse in sich schloß und das ganze technische Verfahren änderte."
Die Einzelheiten der Bereitung der Bindemittel wie der Farben und der Technik wurden meist als Geheimnis sorgfältig gehütet. Unter Obhut des Meisters bereitete der Schüler die Farben. Die Herstellung aus Pflanzen spielte eine ungleich größere Rolle als heute, wo die Mineralien so massenhaft herangezogen werden, und wo der Maler auf seiner Palette meist ohne Kenntnis von den gegenseitigen chemischen Einwirkungen Mischungen vornimmt. Hatte ein alter Meister ein Favoritmittel, so benutzte er es oft und vorzugsweise, um einen reinen, deckenden Auftrag zu erreichen. In dieser Beziehung sind die altflämischen Maler besonders glücklich gewesen. Diesem Umstände ist wohl größtenteils die mit Recht so viel bewunderte Frische und Leuchtkraft ihrer Farben zuzuschreiben. Die neue Technik war während des größten Teils des fünfzehnten Jahrhunderts auf Flandern konzentriert, bis sie gegen Ende nach Venedig kam (angeblich durch Antonello da Messina) und hier den Bellinis das Übergewicht über ihre über die Temperatechnik nicht hinauskommenden Konkurrenten gab.
Die großen Meister der altflämischen Schule haben die neue Technik für große und kleine Effekte wunderbar auszunutzen verstanden. In dieser Beziehung stehen sie alle vier auf gleicher Höhe. Memling übt sie noch aus, während Bellini schon ebenfalls ihr ergeben war und ihn an monumentaler Größe und an Kenntnis der Schönheit des menschlichen Körpers überflügelte. Dies ist leider der Punkt, wo die altflämischen Meister doch eben alle Kinder des