payer und Naumann als Historiker
ines der wichtigsten Ereignisse aus der politischen Geschichte Deutschlands iu den letzten Jahren ist der Übergang der freisinnigen Parteien zu staatlicheren Anschauungen: die Abstimmungen des deutschen Reichstags im Dezember 1906 mit ihren Folgen stellen höchst bedeutungsvolle Vorgänge dar. Die Freisinnigen
bekennen sich heute zu Dingen, die sie in einer früheren Zeit verdammt hatten. In den Momenten solcher Wandlungen entsteht oft eine historische Legende: man überträgt das, was man heute vertritt, in die Vergangenheit der Partei; man glaubt immer schon das Richtige erkannt zu haben; man sieht die Wandlung auf feiten der Gegner. Kleine Pröbchen solcher Legenden haben die freisinnigen Zeitungen in jenem Zusammenhang bereits geboten. In größerem Stil findet man sie in einem Aufsatz, den der Reichstagsabgeordnete Naumann über Sonnemann und die „Frankfurter Zeitung" in den „Süddeutschen Monatsheften" (Januar 1910, S. 66 ff.) verdeutlicht hat. Naumann ist ein Meister des Stils. Dieses sormelle Talent sichert ihm stets einen großen Leserkreis. Aber über der lockenden Form darf man die Prüfung des Inhalts nicht versäumen. Gerade die breite Wirkung, die die Darstellungsform übt, fordert dazu heraus. Und eben in: vorliegenden Fall erweist die Prüfimg, daß Naumann mit dichterischer Phantasie eine volle Legende geschaffen hat. Es trifft sich glücklich, daß ungefähr über dieselben Dinge vorher der Neichstags- abgeordnete Paner einen Bericht veröffentlicht hatte im achten Jahrgang der "Patria" (Jahrbuch der „Hilfe"): „Die deutsche Volkspartei und die Bismarcksche Politik". Dieser Bericht ist aus eigener Kenntnis der Verhältnisse heraus geschrieben, gibt aber ein wesentlich anderes Bild von den Dingen, als wie wir es bei Naumann finden. Überhaupt ist die Darstellung Paners sehr lehrreich. Sie verdient um ihres Juhalts wie um des Verfassers willen Beachtung. Payer ist ein Politiker, der sich der Achtung nicht nur innerhalb seiner Partei erfreut;
Grenzboten III 1910 8