Ferdinand Freiligrath
<Lin Gedcnkblatt zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages von Pros Dr, w, Berg-Uarlsruhe
m Cottaschen Verlage erschien 1838 ein Band Gedichte, die eine ganz gewaltige Wirkung ausübten und den Namen ihres Verfassers, der in bescheidener kaufmännischer Stellung in einem Bariner Großhandelshause tätig war, mit einem Schlage berühmt machten. Dieser Mann war Ferdinand Freiligrath. Hundert Jahre sind es her — es war am 17. Juni 1310 —, seitdem er in Detmold als einziger Sohn des Bürgerschullehrers Joh. Wilh. Freiligrath und seiner Frau Luise geb. Tops geboren wurde. Die Beschränktheit der Mittel nötigte den Vater, seinen fleißigen und hochbegabten Sohn, der als Fünfzehnjähriger eben vor der Schwelle der Prima stand, aus der Schule zu nehmen. Ganz gegen seine Neigung erlernte Ferdinand in Soest die Handlung und trat dann, erst in Amsterdam, später in Barmen in kaufmännische Stellungen. In seinen Mußestunden lebte er dem Studium der neueren Sprachen und Literaturen, sowie der Übersetzerarbeit und eigener poetischer Tätigkeit. Seine innerste Anlage und der Zwang seiner Lebensunistände hatten ihn dazu geführt, von vornherein in eine besondere poetische Richtung einzulenken. Die Sehnsucht nach der Ferne war ihm schon seit der Kindheit eigen, seitdem die von ihm so ergreifend besungene alte Bilderbibel seines Vaters ihm die Phantasie geweckt hatte und ihre „Bildergaben . . . Den spielvergess'nen Knaben Nach Morgenland versetzten". In Amsterdam, der großen See- und Handelsstadt, tat sich nun das völkerverbindende Meer vor ihm auf und steigerte sein Verlangen nach den Wundern der Ferne. Kein Wunder also, daß seine rege Phantasie sich des Fremdländischen und Abenteuerlichen dichterisch bemächtigte.
Um sich darüber klar zu werden, wie es kam, daß die erste Gedichtsammlung des jungen Dichters so blitzartig einschlug und so nachhaltig wirkte, daß sie in sechzehn Jahren vierzehn Auflagen erlebte, ist es nötig, einen Blick in das Empfindungsleben jener Tage zu werfen. Die Zeit war tatenlos; man fühlte sich allenthalben beengt und empfand Sehnsucht nach breiterer und kühnerer Entfaltung des Lebens. Die Lyrik, vorzugsweise mit der Darstellung der Empfindung