Ronstantinopel
Aonstantinopel
Tagebuchblätter einer jungen Türkin von L, Lindberg-Sovlcttc
III.
Du mußt nicht glauben, mein fremder Freund, daß unsre Stadt bloß eine einzige Stadt ist. Es sind mehrere aneinander gedrängte Städte. Sie breiten sich aus und fließen über zwei Weltteile, ohne daß jemand, weder in Europa noch in Asien, ihre Begrenzung kennt. Wo es nm schönsten ist, da hat sich flugs eine Stadt aufgebaut, und dann haben sie sich in spielerischer Unordnung hügelab und -auf gedrängt, ohne Plan und Absicht. So daß das Ganze mehr aussieht wie ein einziges riesiges Nomadenlager.
Aber alles, was dein Blick umfassen kann, soweit das Auge reicht, ist Konstantinvpel und wiederum Konstantinopel, stets wechselnd, stets neu, nie sich selbst wiederholend. Straßen, die sich in stolzer Geradlinigkeit ausdehnen, Straßen, die klettern oder fallen, die sich in Schlangenringeln krümmen und die sich geradeaus in das Wasser stürzen. Große öde Plätze mitten in der Stadt, die vom Feuer verheert und nach orientalischem Fatalismus nie wieder aufgebaut wurden und die die Zeit in kleine wilde Parks verwandelt hat, in welchen Schafe und Ziegen grasen. Häuser aller Stilarten nebeneinander. Paläste und Baracken Seite an Seite. Konstantinopel ist die Stadt der Überraschungen. Du gehst eben eine Gasse entlang und überzeugst dich, daß Konstantinopel auch häßliche Stellen hat, als du plötzlich durch eine Bergsprengung oder eine sich öffnende Seitengasse in einem Rahmen von wildem Wein oder zwischen zwei Zypressen ausgeschnitten ein strahlendes Bild des Bosporus oder des Marmara- meers erblickst.
Voran in dieser Vereinigung mehrerer Städte steht wohl das alte melancholisch stille Stcnnbul, unsere Stadt, der Hauptplatz der Muselmanen, mit den rätselvollen Gassen, die in Bogengängen verschwinden oder in Stufen hügelan zn hohen Plateaus aufsteigen, vor denen sich ein so unendlich weitgestrecktes Panorama ausbreitet, daß man es zugleich in Skutari regnen und über Galata sich verfinstern sehen kann, während in Pera die Sonne strahlt.
Eines der Gebäude, die in Stambul zuerst den Blick auf sich ziehen, ist Detie Publiques großes Viereck neben dem rötlichen Steinkoloß der persischen Botschaft. Und ganz in der Nähe „die hohe Pforte" mit ihrem geräumigem Hofe, auf dem Reiter und Kavaliere und Gendarmen zu Pferde warten, während drinnen die Minister in der langsamen Art, die unsrer Diplomatie eigen ist, mit den Sendboten der fremden Mächte verhandeln.
Dreifache Mauern, alte Gedenkzeichen aus der griechischen Kaiserzeit, umgürten die Einfahrt zu der Stadt. Ein ärmlicher Stadtteil, der infolge seiner großen Öl- und Holzlager durch häufige Feuersbrünste verwüstet ist, hat sich unterhalb der Mauern aufgebaut und wird Jstambul-di-sjareh (äußeres Stambul) genannt. Jedhi-Kuleh (Burg der sieben Türme) heißt die rasierte Festungsruine, die von allen schauerlichen Erinnerungen Stambnls vielleicht die blutbefleckteste und schimpflichste ist. Sie wurde zugleich mit den Stadtmauern erbaut und ist jetzt eine Heimstätte für Krähen und Geier, während sie ehedem die letzte gefurchtete Behausung gefangener Sultane und in Ungnade gefallener Minister und Günstlinge gewesen ist.