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Die neuere Kolonialpolitik
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Die neuere Aolonialpolitik

von Rudolf Wagner-Berlin

in neues Element macht sich im politischen Leben der Kolonien seit einigen Jahren immer stärker geltend: das Streben nach Selbstbestimmung. Nicht als ob dieses Streben früher drüben nicht lebendig gewesen wäre. Es konnte nach Lage der Dinge > nur nicht als Angebot positiver Mitarbeit mit sestbegrenzten Rechten und Pflichten hervortreten. Aber der Ruf nach Dezentralisierung der Kolonial­verwaltung, der vor etwa sechs Jahren die öffentliche Meinung daheim und draußen beschäftigte, war wohl ebenfalls nur dem damals noch dunklen Dränge uusrer kolonialen Landsleute nach einem etwas freier arbeitenden und mehr ihrem Einfluß unterworfenen Verwaltungsapparat entsprungen, wenn zu jener Zeit auch noch niemand an eine eigentliche Selbstverwaltung in unserm Sinne dachte. Ansätze dazu waren ja vereinzelt schon in frühester Zeit vorhanden. Sie verschwanden zum Teil wieder und machten andern Verwaltungseinrichtungen Platz, je nach den Anschauungen der jeweiligen Regierungsbeamten. Die eben erwähnte, auf Dezentralisierung gerichtete Bewegung hat dann allmählich die kolonialen Gouvernementsräte geboren, die Vorstufe einer Selbstverwaltung. Sie konnten das Streben unsrer Landsleute um so weniger befriedigen, als sie immer mehr dekorativen Charakter annahmen und eine tiefere praktische Bedeutung nicht zu gewinnen vermochten. Ihre Zusammensetzung liegt so gut wie ganz in der Hand der Gouverneure und man kann es diesen kaum verübeln, daß sie nur ihnen genehme Leute berufen. Gerechterweise muß gesagt werden, daß die Grundlagen für die Betätigung einer solchen Korporation, gefestigte wirtschaft­liche Verhältnisse, eine klare Finanzwirtschaft und eine ausreichend konzentrierte weiße Bevölkerung, eben in der Hauptsache in den Kolonien noch fehlten. Der Regierung kann daher für Vergangenes kaum ein Vorwurf geinacht werden. Grenzboten II 1910 13