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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reich ssp ieael Berlin, 8. April 1910.
(Glossen zu dem Besuch des Reichskanzlers in Rom und den Urteilen der Presse.)
Der Reichskanzler ist jetzt aus dem Rückwege von seiner römischen Reise begriffen und wird, wenn diese Zeilen unsern Lesern vorliegen, bereits wieder in der Wilhelmstraße seine Tätigkeit fortsetzen, über die politische Bedeutung der Reise haben wir uns schon ausgesprochen. Wir haben nachgewiesen, daß das Königreich Italien bei der Eigenheit seiner geographischen und wirtschaftlichen Lage sowohl die Verstäudigung mit den das Mittelmeer beherrschenden Westmächten, als auch die Anlehnung all die beiden mitteleuropäischen Kaiserinächte notwendig braucht. Nach dein die Entwicklung im nahen Orient und die damit im Zusammenhang stehenden Ereignisse die italienische Politik etwas weiter in der erstgenannten Richtung, d. h. also an die Seite der „Triple-Ententc" Frankreich-England-Nnßland geführt und zeitweise sogar in einen fast peinlich wirkenden Gegensatz zu Österreich-Ungarn gebracht haben, ist bei den weiterblickenden, verantwortlichen italienischen Staatsmännern das Bedürfnis erwacht, die andre Seite ihrer Politik wieder stärker zu betonen. Dazu hat ihnen der Besuch des deutschen Reichskanzlers als willkommene Gelegenheit gedient. Wenn bei uns nun kritische Stimmen lcmt geworden sind, die im Tone der Verärgerung und des empfindlichen Schmollens gegenüber dem schwankenden Bundesgenossen fast so weit gehen, die Zurückweisung der italienischen Annäherung zu empfehlen, weil sie ja doch nicht aufrichtig geineint und nicht von Dauer sei, so ist ein solcher Standpunkt schwer zu verstehen. Politisch urteilslose Leute mögen sich wohl von dem Eindruck beherrschen lassen, daß ein Bundesgenosse, dessen Presse uns fortwährend Zeichen von mindestens kühler Gesinnung, wenn nicht von Gehässigkeit und Unfreundlichkeit gibt, nnd auf dessen nachdrückliche Hilfe im Falle einer kriegerischen Verwicklung schwerlich zu rechnen ist, keinen besondern Wert für uns habe. Für politisch denkende Leute können das aber keine Gründe sein, Freundlichkeiten, die uns von dieser Macht aus sorgfältig erwogenen sachlichen Gründen dargeboten werden, zurückzuweisen. Denn sie wissen eben, daß Sympathien und Antipathien dabei keine Rolle spielen, und daß die Wärme und Herzlichkeit, mit der sich Italien immer wieder zu uns zurückwendet, wenn seine Politik eine Zeitlang in andre Bahnen abgeschweift ist, weder auf Gefühlsseligkeit noch auf der Absicht der Täuschung beruht, sondern die im Verkehr zivilisierter Völker selbstverständliche Form und -Einkleidung einer sachlichen Notwendigkeit ist. Diese Notwendigkeit müssen wir klar und kühl zu unserm Vorteil benutzen, und es ist dabei zunächst gleichgültig, welcher der beiden Teile von dieser Annäherung den größern Vorteil zieht. Wenn Italien aus der Bundesgenossenschaft mehr Gewinn hat als wir, so liegt darin für uns kein Grnnd, auf jeden Gewinn daraus zu verzichten; im Gegenteil liegt darin für uns die größere Sicherheit. Es macht deshalb einen kindlichen nnd geradezu lächerlichen Eindruck, wenn deutsche Blätter sich wieder große Mühe geben, den deutscheu Michel mit besondrer weiser Überlegenheit davor zu warnen, daß er die Freundlichkeiten der italienischen Presse und der italienischen Staatsmänner anläßlich des Reichskanzlerbesuchs für bare Münze nehme. Diese Warnungen sind sehr überflüssig, und das dabei stets hervortretende Bedürfnis, das nationale Selbstgefühl dadurch zu unterstreichen, daß man von Italien verletzend und geringschätzig spricht, wirkt sogar direkt schädlich. Schädlich nicht etwa deshalb, weil wir uns nicht erlauben dürften, andern auch einmal gründlich die Meinung zu sagen, wenn es ein vernünftiger Zweck fordert, sondern deshalb, weil diese Art, unser Verhältnis zu