Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches
' Reichsspiegel Berlin, 24. März 1910.
(Der Reichskanzler in Rom. Deutschland und England. Orientpolitik.)
Während der Ferien des Reichstags und des preußischen Landtags ist in der innern Politik eine kleine Ruhepause eingetreten. Die Aufmerksamkeit kann sich daher um so mehr der auswärtigeu Lage zuwenden.
An erster Stelle steht die Reise des Reichskanzlers nach Rom. Er ist dort mit Auszeichnung und Herzlichkeit empfangen worden, woraus Wohl der Schluß gezogen werden kann, daß die amtliche Politik Italiens den Drei- buudgedanken nach wie vor betont wissen will uud gern die Gelegenheit wahrnimmt, dies zum Ausdruck zu briugen. Wir haben uns wiederholt über diese Politik Italiens ausgesprochen. Wir gehören nicht zu denen, die die Gefühle unsrer Künstler und Poeten für das Land ihrer Sehnsucht kritiklos auf die Politik übertragen, ebensowenig aber auch zu denen, die im Gefühl der Enttäuschung, daß unsre Schwärmerei wenig erwidert wird, sich berufen glauben, von dem Dreibund und Italiens politischer Rolle mit geringschätziger Merhebung und absprechender Bitterkeit zu urteilen. Mit Gefühlsmomenten wird man in diesem Falle nicht weit kommen. Daß das italienische Volk in seiner Allgemeinheit eine besondre Liebe für das so ganz anders geartete deutsche Volk empfinden soll, ist ein unbilliges Verlangen. Aber darauf kommt es auch nicht an, sondern auf die realpolitischen Gründe, die beide Nationen veranlassen, gute Freundschaft zu . halten. Italien kann seine Politik nicht ausschließlich darauf gründen, daß es sich als Glied des Dreibundes betrachtet. Es ist iu erster Linie Mittelmeermacht und als solche genötigt, sich oft mit Frankreich und England zu verständigen. Aber ebenso notwendig braucht es im Interesse einer selbständigen Politik den Rückhalt an den beiden zentralen Kaisermächten. Diese Stellung bringt allerdings leicht den Schein einer gewissen Zwiespältigkeit und Zweideutigkeit iu die italienische Politik, und auswärtige Ereignisse wie populäre Stimmungen sind nicht selten in dem Sinne wirksam, daß der böse Schein verstärkt wird. Zuletzt macht sich doch die Notwendigkeit geltend, das normale Verhältnis, wie es den wahren Interessen der beteiligten Nationen entspricht, wiederherzustellen. Eiue Gelegenheit, dieses Verhältnis wärmer und entschiedener zu betoneil, bietet eben der Besuch des deutschen Reichskanzlers. Herr v. Bethmann Hollweg traf zu ciuem Zeitpunkte in Rom ein, der vielleicht nicht günstig gewählt erscheinen konnte. Das Ministerium Sonuino hatte soeben seine Entlassung gegeben, und die iunere Lage des Königreichs war schwierig und unklar. Aber König Viktor Emcmuel hatte ausdrücklich gewünscht, daß der Besuch nicht aufgeschoben würde, indem er hierdurch in der liebenswürdigsten Form -bekundete, daß er in der Anwesenheit des leitenden Staatsmanns des befreundeten Reichs nicht nur eine Gelegenheit zu amtlichen Besprechungen, sondern eine ihm persönlich geltende Aufmerksamkeit sehen wollte.
Es ist bei dieser Gelegenheit in der italienischen Presse mehrfach mit großer Genugtuung hervorgehoben worden, daß sich die Beziehungen zwischen Deutschland uud England gebessert hatten. So ausgedrückt, könnte das freilich zu einem Mißverständnis Anlaß geben. Auf deutscher Seite hat man in der letzten Zeit nie das Bedürfnis gehabt, sich zu England weniger freundlich zu stellen; man hat nur mit Erstaunen — anfangs um mit verständnislosem Erstaunen, später natürlich mit ärgerlichem und entrüstetem Erstauneil — die uach unsern Begriffen krankhaften Erscheinungen beobachtet, von denen unsre Vettern jenseits des Kanals befallen schienen. Leute, die den Zusammenhang dieser sonderbareil Nervosität