Ubersetzungskunst der Gegenwart
von Berthold vallentin
!s kann nicht anders sein: Übertragung eines Dichterischen in eine andere Zeit, ein anderes Volk lebt von deren Geist zunächst. Dieser ist der erweckende Geist-, der zu erweckende lebt nicht stärker, als ihm der erweckende Leben zu geben vermag. Die Romantik, Zeit kräftig ^drängender Impulse, noch dazu mit einem besonderen Antrieb, Fremdes und Altes zu verlebendigen, überwarf ganze Strecken erstorbenen Landes mit belebender Luft: Die Griechen und Spanier, die schattenhaften Meister des Minnesangs und Shakespeare, alle begannen nen zu atmen unter ihren nährenden Hauchen.
Dann ist es, als ob die Generation jede lebendige und verlebendigende Kraft aufgebraucht hätte. Das nene Zeitalter lebt nur ein vermitteltes geistiges Leben, ein Lebe», nicht aus Anschauung und Ergreifung des Lebendigen, sondern aus verbegrifflichender Zergliederung und mechanischer Bewältigung der Erscheinungen. Von da aus bestimmt sich auch sein Verhältnis zu frühem und fremdem Dichterischen, Maß und Umfang seiner Aneignung, Art und Ton seiner Übertragung. Diese Zeit nimmt ihren Begriff des Poetischen aus dem Literarischen, ans der allgemeinen Bildung und Wissenschaft. Der einmalige kühne Ausdruck, die geformte Vision einer einzigartigen Seele ist ihrem Erleben „eine dunkle Stelle" und mnsz in der Übersetzung dem allgemeinen Verständnis dadurch nahegebracht werden, daß man die sinnliche Fülle auf begriffliche Formeln abzieht, die sich zur Wirklichkeit des Dichters verhalten wie eine kolorierte Karte zur Landschaft, eine schwungvolle Isobare zum Sturm, ein Seismogramm zum Erdbeben. Zur Literatur gehört anderseits das Bedürfnis, Literarisches anders, edler, gehobener, „schöner" auszudrücken als den Alltag. Daher muß auf künstlichem Wege hereingebracht werden, was ans dem dichterischen Erlebnis als zu erdrückend oder zu eruptiv künstlich entfernt wurde (oder nicht einmal wahrgenommen, da nur ein sonnen- haftes, nicht ein bebrilltes Ange den unmittelbaren Strahl ertragen kaun und dem Geiste nur der Geist erscheint). Zu diesem Zwecke werden die sachlich nackten Stellen, die deut Dichter farbig und atmend sind, als Teile eines farbigen und atmendeu Ganzen, die aber den von außen sehenden Geschmäckler als herausgerissene Einzelheiten mit der Farblosigkeit seiner eigenen Seele langweilen, geschwellt, gefärbt und verkleidet. Als Surrogat des den Dichter durchlebenden einheitlich visionären Feners wird ein dürftiges Flämmchen abgeleiteter, unpersönlicher Moral angefacht.