Beitrag 
Die Bedeutung und Berechtigung des Spannenden in der Literatur
Seite
542
Einzelbild herunterladen
 

542

Der proletarische Alasscnkampf

Langeweile bühnenfähig zn machen. Aber ihr Reich hat nach der negativen Seite hin Nutzen gestiftet, denn die grobe Sensationslust hätte sonst das Theater in Beschlag genommen. Die schwerfälligsten Stücke, die doch hin und wieder fruchtbringende Gedanken enthalten, sind weniger verwerflich, als etwa die Stücke, die in den Music Halls von London billige Sensation erregen und in den letzten Jahrzehnten nicht wenig dazu beitrugen, den Durchschnittsengländer für die große Kunst abzustumpfen. Ähnliches gilt vom sogenannten „Melodrame" in Paris und von den Machwerken gewisser viel gespielter Theaterautoren in Deutschland.

Über das Spannende auf dem Theater können uns zwei Stücke Schillers tief belehren. Die „Räuber" — noch heute wie vor mehr als hundert Jahren hinreißend für die unverdorbene Jugend — sind mit ganz naiver Lust am Fabulieren geschrieben, mit sast knabenhafter Freude am Gewaltsamen, Grau­samen, hart und unvermittelt Spannenden. Künstlerisch bewußt mit reifster Klarheit ist das Spannende in der „Braut vou Messina" stilisiert uud gedämpft, so daß in dieser tiefsten Tragik menschlichen Geschehens nichts gewaltsam, gewollt, schrill, grell oder nervenquülend wirkt. Dem Geist der Antike treu, des edlen Maßes eingedenk ist dieses Werk entstanden, in dem durch die dämpfende Wirkung des feierlich gedankenvollen Chores alles Gräßliche so idealistisch gemildert erscheint, daß wir nichts Grobes, nichts Verletzendes empfinden, obwohl die Fabel so fürchterlich, so grausam spannend ist, wie eine Novelle Boccaccios oder eine Geschichte der Scheherezade. Feierlich und gedankenvoll ist hier die Spannung geworden, als ständen wir vor den Pforten des Tempels, dessen Allerheiligstes die tiefsten Lebensrätsel birgt, als bewege sich der Vorhang leise, als fielen einige Strahlen in unsere Dunkelheit und als klinge entferntes, heiliges Tönen in die einsame Stille des Herzens.

Der proletarische Alassenkampf

von Dr. Hugo Böttgcr

er proletarische Klassenkampf als Begleiterscheinung der Jndustrie- entfaltung wird in einem künftig erscheinenden Werke „Die Industrie und der Staat" von Dr. Hugo Böttger (Verlags­buchhandlung I. C. B. Mohr in Tübingen) eingehend behandelt. Er ist ein Hauptbestandteil jeder inneren Politik moderner Staaten geworden. Deutschland hat eine eigentlicheArbeitcrbeweguug erst seit fünfzig Jahren. Staat und Politik überliefern zunächst im Beginn des großbetrieblichen Gewerbe­lebens die arbeitende Bevölkerung so gut wie schrankenlos der Ausbeutimg durch