T>ie Bedeutung und Berechtigung des spannenden
in der Literatur
von Alexander von Gleichen-Rnßwnrm
undervolle Goldsäle. Es plätschern Brunneil und duften Spezereien. Im künstlich blauen Dämmer scheint es kühl.
Mit halbgeschlossenen Lidern ruht der Sultau ans seinen Kissen; sein grausam schlaffer Mund ist spöttisch, die Hand spielt mit den: Dolch.
Doch vor ihm kauert ein Weib. Ich weiß nicht, ob sie schön ist. Sie scheint es, denn hinter der hell elfenbeinfarbigen Stirn geht immer etwas vor, wandelbar sind die Augen. Nun öffnet sich der Mund, und die feinen bräunlichen Finger reden mit lebhaftein Gebürdenspiel.
Da hebt sich der Sultan und stützt aufmerksam den Kopf in die Hand, seine Augen öffnen sich weit. Er lauscht und lauscht, die lange heiße Nacht uud mehr als tausend Nächte lang.
Das ist die Macht des Spannenden; das sind die Zauber der Scheherezade, die hier um des lieben Lebens willen erzählen muß.
Der blasierte Sultan, den nichts Irdisches mehr begehrlich dünkt und den selbst die Grausamkeit langweilt, wird erfrischt, verjüngt, vielleicht gebessert durch die Kunst, die ihn von einer aufregenden Verwicklung zur andern führt, ihn, deu Sicheren und Reichen, unter Räuber, Bettler und böse Geister bringt.
Das Spannende wird oft verachtet und für unkünstlerifch gehalten. Man vergißt, daß eine kunstvoll gesteigerte Spannung die besten Werke der größten Dichter ziert. Es ist auch eine Tugend der kleinsten einfachsten Erzählung, wenn sie spannend ist.
Das anmutige, leider immer seltener werdende „Z^voir conter" besaß die liebenswürdige Eigenschaft, zu spannen ohne zu foltern. Man fühlt sich bei den alten „Lonteur8" immer gewiegt und geschmeichelt wie von einer persönlich sympathischen Stimme, während manche moderne, nervenfolternde Geschichte den Eindruck erweckt, als höre man kreischende, unangenehm durchdringende Stimmen, die bis ins Mark gehen.
Die Gegenwart verwechselt oft das Spannende mit dem Verblüffenden. Ein typisches Beispiel bietet Frank Wedekind. Er ist geradezu der Meister des