498
Deutschtum und Schweiz
namentlich in dem erst kürzlich veröffentlichten Mädchentagebuch entgegentritt! Sie erscheint frühzeitig altklug, dazu sentimental-melancholisch und vor allem leidenschaftlich heftig, darin eben dem Wesen Lenaus aufs engste verwandt. Deshalb findet sie auch nicht die Kraft, dem leidenschaftlichen Ansturm des geliebten Mannes Widerstand entgegenzusetzen und wie Lotte Mäßigung ins heiße Blut ihres Dichters zu tropfen. Aber auch Goethe kämpft trotz der stoßweisen Durchbrüche seiner Leidenschaft mit mehr Glück gegen sie an als Lenau, der dem Sturm sein Herz ohne allen Rückhalt auftut und aus höchster See fährt, wo sich kein Anker werfen läßt. So versucht Goethe z. B. das Andenken an Lotte wegzuhalten und ihr Bild nicht allzu lebhaft werden zu lassen. Die allmählich zunehmende Liebe macht ihn still und gesittigt. Bei Lenau dagegen ist die Liebe gleich in ihrer ganzen Leidenschaft erwacht, er verirrt sich in ihr unentwirrbares Labyrinth und stößt auf die eiserne Schranke der Pflicht, die er nicht durchbrechen kann und will. Weil sich seine Gedanken und Gefühle immer um den einen Punkt, seine Liebe, konzentrieren, wird er unruhig, ein Sehnsuchtsfieber schüttelt ihn in der Ferne, er hat keinen Sinn mehr für seinen Liebling, den holden Lenz, keinen Sinn mehr für seine Freunde. Er wird unliebenswürdig gegen sie, ja überhaupt ungerecht gegen die Menschen. Goethe dagegen nimmt die Menschen, wie sie sind; ihm wird es leicht, mit ihnen zu handeln, da er infolge der Liebe, die ihn in Anspruch nimmt, mit ihnen nicht umzugehen braucht.
Deutschtum und Schweiz
IN Jahre 1841 schrieb ein Züricher, namens Orelli"), in der Vorrede eines Buches: „Und mit diesem kleinen Denkmale erfülle ich eine heilige Pflicht gegen meine Nation, die deutsche; denn in allein Geistigen, Wissenschaftlichen, Künstlerischen bildet Deutschland und die deutsche Schweiz nur ein Volk." Also fühlte sich Orelli nicht bloß für seine Person als Deutscher, sondern glaubte auch durch dies öffentliche Bekenntnis seinem Buch ein empfehlendes Geleitwort zu geben.
In den siebziger Jahren hörte ich einen andern, wegen seiner scharfen Zunge gefürchteten, Züricher sagen: „Ja, sehen Sie, daß wir Schweizer Deutsche sind,
") I. K. Lavaters ausgewählte Schriften. Herausgegeben van I. K, Orelli, Zürich 1841. Barwort S, 5.