Weltanschauung, Politik und politische Parteien
von Geh. Rcg.-RcU Prof. L, von Savigny-Münstcr
n einem in München gehaltenen Vortrage, der jetzt in den Historisch-politischen Blättern, Heft 1 d. Js., vorliegt, hat Freiherr von Hertling das Problem des Zusammenhangs von Weltanschauung und Politik untersucht. Die Zentrumspresse hat den dort ausgesprochenen Gedanken in leicht erkennbarer politischer Absicht die weiteste Verbreitung gegeben. Und da die Fragen der Parteibildung und Gruppierung zurzeit in: Vordergrunde stehen, so scheint es erwünscht, dazu grundsätzlich Stellung zu nehmen.
Freiherr von Hertling geht davon aus, daß in der Weltanschauung, d. h. der Gesamtansicht über Gott, Welt, Mensch, auch Vorstellungen über Staat, Staatsgewalt und Recht enthalten seien, und daß diese Weltanschauung zugleich praktische Lebensanschaunng sein müsse, die Urteile über Wert und Unwert menschlichen Handelns einschließt. Damit ist der Zusammenhang von Weltanschauung undPolitik, als dem Streben nach einer bestimmten Gestaltung des menschlichen Gemeinlebens, gegeben. Weitaus die meisten verdanken freilich ihre Weltanschauung zunächst der sozialen Umgebung, der sie angehören, in der sie aufgewachsen sind und sich bewegen. Mit ihr verbindet sich das bestimmt gerichtete Interesse einer sozialen Gruppe oder Klasse, uud aus dieser sozialen Schichtung erwachsen die politischen Parteien. Aber nicht diese gewohnheitsmäßig überkommene Denkweise eines Standes, die mit den Interessen dieses Standes untrennbar verknüpft ist, haben wir im Sinne, wenn wir nach dem Verhältnis von Politik und Weltanschauung fragen, sondern die grundsätzliche Stellung, welche der Politiker zu den höchsten Problemen der Welt und des Lebens einnimmt. Diesen Zusammenhang von Weltanschauung und Politik erläutert von Hertling an der Geschichte unserer Sozialpolitik, ihn findet er erkennbar gegeben in der Politik der Sozialdemokratie, Grmzbvten I 1.910 61