Tschang Tschih-tung
von L. Rnhstrat in Schanghai
ein: Tode eines hervorragenden Mannes ist es in der europäischen Presse allgemein üblich, eine Charakteristik des Verstorbenen zu geben. Nicht gerade oft erhebt sich davon jedoch etwas über die Mittelmäßigkeit, da diese literarische Aufgabe zu den schwierigsten gehört, die es gibt. Weshalb werden so prachtvolle Charakteristiken, wie die von Sulla und Caesar, die Mommsen uns geschenkt hat, oder wie die des großen Oraniers, ferner von Milton, Cavour u. ä. des hierin fast unvergleichlichen Treitschke nicht häufiger geliefert? Alls dem einfachen Grunde nicht, weil andere es nicht so gut können, sonst würden sie es schon tun.
Wagt sich nun aber gar ein Westländer an die Aufgabe, einen bedeutenden Chinesen zu charakterisieren, so wird er gewöhnlich recht bald, falls er ehrlich sein will, die Feder entmutigt aus der Hand legen, auch wenn er im übrigen ganz gut damit umzugehn weiß. Denn vielleicht bei keiner andern Gelegenheit kommt es einem mit einer erschreckenden Klarheit so sehr zum Bewußtsein, wie ungemein oberflächlich unsere Kenntnis des Chinesentums noch immer ist. In vieler Beziehung ist es uns nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln.
Deshalb ist es durchaus nicht zum verwundern, wenn das, was man über den im Alter von vieruudsiebzig Jahren verstorbenen Tschang Tschih-tung zu lesen bekam, geradeso dürftig war, wie im vorigen Jahre die Artikel über die alte Kaiserin-Witwe. Die verzweifelte Hilflosigkeit der Schreiber, soweit diese überhaupt einen ernstlicheil Anlauf zu einer Charakteristik nahmen, stand deutlich zwischen den Zeilen geschrieben.
Tschang Tschih-tung gehörte zu den sehr vereinzelten chinesischen Staatsmännern, deren Namen europäischen Zeitnngslesern ziemlich geläufig sind. Grenzboten I 1910 37