Vom Aönnev und vom Dichter )
Von «Larry Brachvogel
II deinem Nutzen, lieber Laie, schreibe ich diese Zeilen nieder, zn deiner Aufklärung, Nicht zu deiner religiösen, politischen oder sexuellen, sondern zu deiner literarischen. Ich habe nämlich immer bemerkt, daß du in puncto Literatur uoch in kindlichen Irrtümern befangen bist, soviel Mühe wir vom Bau, wir Literaten und Journalisten, uus auch seit Jahrzehnten mit dir gegeben haben. Immer noch greifst du gierig nach einem fesselnden Roman, immer uoch läufst du erwartungsvoll in ein spannendes Drama, immer noch hältst du deu Autor solch verirrter Machwerke für eine bewundernswerte Erscheinung. Darum eben, lieber Laie, mußt du aufgeklärt werden! So gründlich aufgeklärt, daß du künftighin den fesselnden Roman mit einer verächtlichen Geste beiseite schiebst und den langweiligsten verlangst, daß du dich eher in die Zwangsjacke stecken, als in ein fesselndes Drama führen läßt. Dagegen eilst du mit gierigen Nerven nach einem recht öden, das schon nach der dritten Aufführung abgesetzt wird, uud in dem du bereits nach dem ersten Akt an den Folgen der Exposition entschläfst. Den Verfasser der verirrten Machwerke aber — im Parnaßjargon „Könner" genannt — wirst du dauu mit der ihm gebührenden Verachtung betrachten.
Aus veilchenblauen Laienaugeu blickst du mich mit stummer Frage an. Doch ehe dem Mund noch die ungesprochene zum Satze geformt hat, muß ich an dich die prüfende Gegenfrage stellen: „Was ist ein Könner?" Du erwiderst darauf: „Ein Könner ist ein Mann, der etwas kann, der sein Metier versteht." — „Und was verdient ein Könner?" — „Achtung, Bewunderung und unter Umständen viel Geld."
Ganz richtig, lieber Laie, oder vielmehr, es wäre ganz richtig, wenn du von einem Schuster, vou einem Koch, von einein Juristen, Kaufmann, Diplomaten, Minister oder noch erhabeneren Persönlichkeiten sprächest. In jedem Beruf gilt
*) Angesichts der äußeren Erfolge, die eine feile Dntzend-Literatur heute wie ehedem davonträgt, während die Werke der Vornehmen und Edlen ungekannt beiseite stehen, ist der obige temperamentvolle Ausbruch einer empörten und sich doch satirisch bändigenden „Könner"- Seelc Wohl zu verstehen. Im übrigen vergl. unsern Leitartikel in Nr. 27 v. t. Juli 1909.
D. Schriftltg.