Beitrag 
Praktischer Patriotismus
Seite
49
Einzelbild herunterladen
 

praktischer Patriotismus

m Wettstreit der Kulturstaaten sowie in ihrer innerpolitischen Entwicklung ist die Intelligenz zum Hauptfaktor erhoben. Mag es auch etwas übertrieben sein, zu sagen, die Zukunft gehöre der bestunterrtchteten Nation, so ist doch nicht zu leugnen, daß durch die Verfeinerung der politischen Hilfsmittel die Volks­bildung zu einer Hauptaufgabe der Staatswohlfahrtspflege geworden ist. Die meisten Kulturvölker sind in dieser Richtung während des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutsamen Abschluß gelangt. Sie haben den Gedanken durchgeführt, daß das Volk durch organisierte Versammlungen gewählter Abgeordneter, durch Parlamente, an der Gesetzgebung beteiligt sein solle. Die jedem Volke durch seine Verfassung anvertraute staatsbürgerliche Arbeit als Wähler oder Abgeord­neter ist indessen keine Aufgabe, für die ein Volk durch den einfachen Ausspruch des Gesetzes fähig wird, es sei politisch mündig, sondern erst durch die Bildung von Charakter und Geist. Die damit verbundene Notwendigkeit der Volks­bildung beziehungsweise Volkserziehung steigert sich gleichlaufend mit dem ungeheuren Wachstum aller Wissensgebiete, mit der Steigerung des Verkehrs und der Zunahme der wirtschaftlichen Entwicklung wie des Kulturfortschritts.

Von diesem Gesichtspunkt aus ist in Deutschland und andern Staaten mancherlei für Volksbildung getan worden. Es sei der Bibliotheksbewegung gedacht, die schon in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Amerika und in England großzügig einsetzte. Sie hat heute in England sechzehnhundert öffentliche Volksbibliotheken mit einer Jahresausgabe von zusammen sechzehn Millionen Mark ins Leben gerufen. Im Jahre 1849 entstand auf Antrag eines William Ewart jenes Gesetz, das jede Stadt ermächtigt, Steuern von ihren Ein­wohnern zu Zwecken der Volksbildung durch Bibliotheken, Lesesäle usw. zu erheben. Grenzboten I 1910 7