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Der Niedergang der politischen Parteien
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Der Niedergang der politischen Parteien

ine der interessantesten Erscheinungen unsres öffentlichen Lebens besteht in der Veränderung, die sich im Laufe der letzten 30 bis 40 Jahre sowohl im Bestände wie in den Zielen der politischen Parteien vollzogen hat. Wie so vieles knüpst auch sie sich an die Periode der Gründung des Reichs an, das die wichtigsten Forderungen der vormärzlichen Zeit erfüllte. Vorbereitet war sie durch den Zollverein. Die Niederlegung der Zollgrenzen im Innern Deutschlands hatte jeuen mit der Gründung des Reichs einsetzenden Aufschwung von Handel und Industrie angebahnt, auf desseu Höhe wir zurzeit so stolz sind. Die Folgen dieses Aufschwungs sind es, die sich nun auch auf politischem Gebiete durch­setzen. Das wesentlichste dieses Vorgangs kann als die Zersetzung der alten politischen Parteien durch Jnteressenverbände bezeichnet werden.

In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts knüpften die Parteien teils an die Tradition der ersten französischen Republik, teils an englische Verhältnisse an. Sie bezeichneten sich als Monarchisten, Legitimisten. Republikaner, Demokraten, als Konservative, Konstitutionelle, Liberale mit mancherlei Schattierungen. In der Periode der Gründung des Reichs waren die extremen Parteien bereits stark zusammengeschmolzen. Sie waren durch Konservative und Liberale mit mehreren Zweigen aufgenommen. Aber schon damals war der Beginn einer grundsätzlich veränderten Teilung bemerkbar, und zwar durch die Einführung des nationalen Prinzips (Polen. Elsässer. Partikularisten), die Abtrennung der Sozialdemokraten, d. h. der Vertreter des vierten Standes mit einein ausgesprochen wirtschaftlichen Glaubensbekenntnis, und durch die Organisation des Zentrums, als einer Partei des römischen Klerus. Grenzboten I 1910 1