In Molmerschwende und schielo
Ein Reiseabenteuer von Hans Gerhard Gräf
Reineke Fuchs, der windige Geselle, bei Hofe sein Märchen log von König Emmerichs Schatze, der zwischen Hnstcrlv und Krekelborn ^^^^-^^^ vergraben sei, da sagte zweifelnd zu ihm Nobel, der König:
Wohl von Aachen gehört, wie mich von Lübeck und KöUcn Und von Paris; doch Hüsterlo hört ich im Leben nicht nmnnl Nennen, ebensowenig als Krekelborn —
Und so könnte ich es dem freundlichen Leser wahrlich nicht verdenken, wenn er verwundert fragte: Molmerschwende und Schielo? wo liegen die seltsamen Orte? Vielleicht aber erinnert sich nun doch ein oder der andre Literaturfreund, vor Jahren auf der Schulbank den Namen Molmerschwende schon gehört zu haben als den Geburtsort des Dichters Gottfried August Bürger. Wie dem auch sei, Molmerschwende und Schielo sind zwei benachbarte weltabgelegne Dörfchen int Harz, und von ihnen soll hier die Rede sein, nicht nach Art des Reineke Fuchs in Märchen und Lügen, sondern in schlichtem, wahrheitgetreuem Bericht. Möchte es mir gelingen, das zarte Abenteuer, das mir daselbst begegnet ist, nach mehr als Zwanzig Jahren aus den Tiefen der Erinnerung noch mit seinem ganzen Zauber heraufzubeschwören. Zum Glück bin ich in der Lage, meinem Gedächtnis durch gleichzeitige treue Aufzeichnungen nachzuhelfen.
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Es war im Sommer des Jahres 1888. Das Gleimhaus zu Halberstadt hatte ich mir als geeignetsten Ausgangspunkt meiner ersten Harzreise erwählt, auf der ich, neben dem Verfolg naturwissenschaftlicher und landschaftlicher Interessen, auch einen ganzen Rosenkranz litcraturgeschichtlicher Erinnerungen abbeten wollte. Das nahm denn im „Tempel der Freundschaft" des guten Kanonikus Gleim hinter dem Dom zu Halberstadt seinen glücklichen Anfang. Was hat der liebenswürdige Alte da auf kleinem Raum für eine Menge interessanter Bildnisse bedeutender und unbedeutender Menschen zusammengebracht! Ich sah auch Gleims reiche Handschristcn- und Büchersammlnng und ergötzte mich an der grotesken Form seines nach eignen Angaben gebauten Schreib- und Arbeitstuhles, den ich mir als wertes Stück meiner Kuriositätensammlung eilig abzeichnete. Über den Negenstein und die Teufelsmauer bei Blankeilburg, über Roßtrappe und Hexentanzplatz bei Thale — allbekannten und -berühmten Orten, aber dem nach Stille und Waldeinsamkeit verlangenden durch den sich widerwärtig breitmachenden Fremdenbetrieb unleidlich — wanderte ich ostwärts nach der in entzückender Abgeschiedenheit gelegnen Ruine Lauenburg. Da fand ich in Fülle das Gesuchte: tiese Ruhe, Welteinscimkelt und Waldesfrieden. In der Mittagschwüle des klaren Sommertags waren die Stimmen der kleinen Waldvögel verstummt; hingestreckt im Schatten weitästiger Buchen/ den Blick gerichtet auf eine wundervolle Wirrnis blühender wilder Rosen, die das graue Burggemauer liebevoll umrankte, verlebte ich eine jener vollkommnen, goldnen Ruhestunden, wie ste dem Kulturmenschen so selten gegönnt sind. Warum so selten? darum, weil, es