Wie Bismarck Hchutzzöllner wurde
von Heinrich von poschinger
ie glänzendste Seite der Tätigkeit unsers ersten Kanzlers liegt auf dem Gebiete der auswärtigen Politik. Was er hier geschaffen hat, zeigt die Landkarte und erfüllt jedes deutsche Herz mit Stolz und Bewunderung. Nicht geringer aber ist seine Wirksamkeit auf dem Gebiete der Handels-, Sozial-, Steuer-, mit einem Worte der Wirtschaftspolitik. An und für sich liegt die Sorge für das materielle Wohl und Wehe des Landes ebenso in dem Rahmen der Aufgabe eines Staatsmannes als jene für die beste Gestaltung der auswärtigen Politik, und insofern ist nichts natürlicher, als daß der Politiker zugleich auch Volkswirt ist. Die Geschichte liefert für diese Verbindung mehrere Beispiele, wie Friedrich den Großen, Richelieu, mit denen man Bismarck mit Unrecht in Parallele gestellt hat. Bei diesen beiden Staatsmännern war aber die „volkswirtschaftliche Ader" lange nicht in dem Maße entwickelt wie bei Bismarck, der schon in seinen ersten politischen Lehrjahren, als er sich in der preußischen Kammer die Sporen verdiente, volkswirtschaftliche Fragen mit seltener Sachkenntnis erörterte und sich gerade bei diesen Debatten heimisch fühlte. Bismarck hat seinen Entwicklungsgang durchgemacht, immer sich anlehnend an die realen Verhältnisse, „doktrinär bin ich in meinem Leben nicht gewesen". Wie sich bei ihm die Bekehrung vom Freihandel zum Schutzzoll vollzogen hat, soll im Nachstehenden auf Grund bisher unbekannter Quellen nachgewiesen werden.
Zu Anfang des Ministeriums Bismarck zog der Freihandel siegreich durch das Land. Auch er schloß sich der vom Zeitgeist getragnen Bewegung an und hielt daran bis zum Abgang Delbrücks (31. Mai 1876) äußerlich fest. An der Sitzung des Staatsministeriums vom 22. September 1875, worin es die Forderung der Schutzzöllner auf Beibehaltung der Eisenzölle nach dem 1. Januar 1877 ablehnte, hat Bismarck nicht teilgenommen. Aber ganz kurze Zeit darauf finden wir in einen, von L. Bucher in Varzin verfaßten, dem
Grenzboten IV 1909 44