Wiborg und (Lholm
eit einiger Zeit mehren sich wieder die Berichte, wonach das Gouvernement Wiborg, das ist der Südostzipfel Finnlands, vom Großfürstentum Finnland abgetrennt und in verwaltungstechnischer Hinsicht dem Zarenreiche angegliedert werden soll. Die Nachrichten verdienen besonders deshalb Beachtung, weil sie begleitet werden von Truppenverschiebungen gegen die finnische Grenze. Gegenwärtig sollen bereits etwa dreißigtausend Bajonette russischer Truppen in das Gouvernement Wiborg eingerückt sein. Für uns Deutsche erscheint die sich in Finnland vorbereitende Aktion der russischen Regierung nur von mittelbarer Bedeutung, und zwar infolge ähnlicher Vorgänge in den ehemals polnischen Landesteilen. Es ist besonders während der Sommermonate verbreitet worden, die russische Regierung bereite die Ablösung des sogenannten Cholmer Landes vom Warschauer Generalgouvernement vor und beabsichtige einen neuen selbständigen Verwaltungsbezirk daraus zu organisieren, der in militärischer Hinsicht dem Generalgouverneur von Kijew unterstellt werden sollte.
Beide Maßregeln verfolgen den Zweck, den politischen Einfluß der nicht russischen Bevölkerung in Rußland zu beseitigen. Die treibende Kraft für diese und ähnliche Maßregeln ist das zentralistische Prinzip der russischen Reichs- verfcisfung. Es leitet die russischen Staatsmänner seit Boris Godunow. Es wirkt nicht nur auf die Politik in Finnland und Polen, sondern auch auf die in den Ostseeprovinzen, im Kaukasus und in Kleinrußland sowie schließlich auf die Behandlung der Juden.
Das Hauptziel des zentralistischen Prinzips in Rußland besteht darin, alle örtlichen Verhältnisse in den weiten Gebieten von der Weichsel bis zum Stillen Ozean und vom Eismeer bis zum Fuß des Himalaja auszugleichen. In diesem Gebiet soll nur eine Form der Verwaltung, nur ein Gesetz, aber womöglich auch nur eine Sprache und eine Religion herrschen.
Grenzboten IV 1909 38