Zur Psychologie der radikalen Presse
von vr. M', Adolf Grabowsky
iduard Bernstein läßt nicht ab, die Zusammenarbeit seiner Partei mit dem Freisinn zn empfehlen. Von den Nationalliberalen sei nichts zu hoffen, Sozialdemokratie und Freisinn aber fänden sich doch heute bei den Parlamentsabstimmungen am häufigsten I zusammen, und hieraus seien die Konsequenzen zu ziehen. Bei der Reform des preußischen Wahlrechts müßten Freisinn und Sozialdemokratie zusammen kämpfen. So zu lesen in einem Aufsatze, den Bernstein vor einiger Zeit in dem demokratischen „Blaubuch" veröffentlicht hat.
In demselben Atem spricht der Verfasser davon, daß die Freisinnigen iu ihrer Mehrheit außerordentlich kühle Freunde des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts seien. Seine Erwartungen stünden in dieser Hinsicht sehr dicht beim Nullpunkt. Aber an der Abänderung der Wahlkreise seien die freisinnigen Parteien doch unmittelbar interessiert.
Bernstein sieht richtig: in der Tat ist der Freisinn enthusiasmiert nur für eine größere Berücksichtigung der Städte bei der Wahlkreisbildung. Wird auf diese Weise das Recht der Fläche zugunsten des Rechts der Zahl verkürzt, so kann der Freisinn mit Sicherheit auf einen Zuwachs an Mandaten rechnen. Das Reichstagswahlrecht für Preußen aber ist ihm innerlich so verhaßt wie nur möglich, trägt er doch schon schwer genug an dem gleichen Wahlrecht im Reiche.
Wie aber ist dann die Haltung der freisinnigen Presse zu verstehn, die immer und immer wieder das Reichstagswahlrecht für Preußen als Politische Hauptforderung verlangt? Die Beantwortung dieser Frage führt uns auf die außerordentlich interessante Psychologie der Presse des bürgerlichen Radikalismus.
Wenn wir behaupten, daß die sogenannten Freisinnigen mit ihrer Presse innerlich absolut nicht harmonieren, und zweitens, daß die Leser dieser Presse
Grenzboten IV 1909 82