Zur Versöhnung der Konfessionen
von Stadtpfarrer Schiller in Nürnberg
M
i enn wir die Zeichen der Zeit recht verstehen, so kommt es uns vor, als ob die Hochflut der konfessionellen Leidenschaften und Zwiespältigkeiten in der neusten Zeit einem ruhigern Wellengang Platz zu machen beginne. Haben Haß und Abneigung, Verbitterung > und Verstimmung in dem Hader der Konfessionen jahrelang zum Schaden und Verderben des deutschen Volkes das Wort geführt, so kommt heute eine und die andre Unterströmung. nur dem feinern Gehör vernehmbar, langsam an die Oberfläche, und der Tag wird nicht mehr allzufern sein, wo die Majorität des deutschen Volkes erkennen wird, daß die Selbstzerfleischung des eignen Körpers ein recht unsinniges Beginnen war. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Der konfessionelle Friede ist ein solches Ereignis, und er wird kommen, er muß kommen. Ist es nicht die Überzeugung von seiner Notwendigkeit, so ist es die Not unsrer Zeit, die sein Kommen beschleunigen muß. Die Vorsehung kann nicht wollen, daß sich das deutsche Volk iunerlich zerreibe und verblute. Wunden hat es ohnedies durch den konfessionellen Hader genug davongetragen. Die gegenseitige Entfremdung dürfte nicht mehr weitergehn. Jeder Kampf muß einmal ein Ende finden.
Sieben Jahre sind es her, seitdem ich die Frage: Wie kann der konfessionelle Friede gefördert werden? in die deutsche Presse geworfen habe. Es war nur eine flüchtige Studie in einem vielgelesenen süddeutschen Blatt, der Augsburger Abendzeitung, eine rein akademische kurze Erörterung, die eine von dem Verfasser nicht entfernt geahnte Bedeutung gewinnen sollte. Zuschriften aufmunternder und beleidigender Art strömten mir von allen Seiten zu. „Nur unbeirrt fortgefahren!" „Durch nichts sich verdrießen lassen!" so lautete es hier. Dort wieder hieß es: „Pfui dem Vogel, der sein eignes Nest beschmutzt!" „Wehe dem Schwachkopf, dem Streber, dem Verräter!" Als ich es mir gar beifallen
Grenzboten IV 1909 7