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Jesus im Urteil der Jahrhunderte
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Jesus im Urteil der Jahrhunderte

kann für den Menschen der Gegenwart wohl kaum ein eigen- Itiimlicheres, anregenderes und ergreifenderes Schauspiel der Geistes­geschichte geben als die meisterlich geordnete und erläuterte Galerie von Christusbildern fast zweier Jahrtausende, die Gustav Pfann- !müller im Teubnerschen Verlag hat erscheinen lassen.*) Ja, von Christusbildern! So dürfte man vielleicht eher sagen als von Jesusbildern. Denn mit dem wirklichen geschichtlichen Jesus beschäftigen sich, von dem letzten Jahrhundert abgesehen, eigentlich nur wenige auserlesne dieser gesammelten Urteile. Es ist, als müßte sich jener aus unzähligen, ihm jahrhundertelang immer aufs neue übergeworfnen Dogmenhüllen zum Lichte emporringen. Die Meinung, alle Christusbilder der Kirche hätten ihren notwendigen Ursprung in der geschichtlichen Persönlichkeit der Evangelien gehabt, und jede Generation hätte diese nur nach einer bestimmten Seite ihres eignen Wesens erfaßt, je nach dem Stande ihrer religiösen Anschauungen, wird auch nach der aufmerksamen Betrachtung dieser Bilderreihe noch schwer verständlich erscheinen. Denn allzuoft stellen diese Christusporträts eine Übermalung dar, die kaum einen der irdischen Züge des Grundbildes mehr durchschimmern läßt. Wie oft ist doch nur Rahmen gewesen, was lebendiges Bild sein sollte, Rahmen, in den man bis zum äußersten Gegensatz gegen das Ursprüngliche hineinschob, was einem gefiel oder notwendig erschien!

Der kurze, sehr schlichte Bericht über Leben und Charakter Jesu, den Pfannmüller zunächst auf Grund des kritisch gesichteten Textes der drei ersten Evangelisten erstattet, nimmt in bestimmter und maßvoll ruhiger Weise zu allen wichtigen Problemen des Urchristentums Stellung und erweckt den Eindruck zuverlässiger wissenschaftlicher Gediegenheit. Wir sehen dann aber sogleich das Christusbild der Urgemeinde durch die Vision der Jünger bestimmt. Der er­höhte Christus, der himmlische, steht schon im Vordergrunde, wenn er auch das irdische Lebensbild noch nicht verdrängt. Das Alte Testament und seine Weis­sagung muß helfen, den Juden diesen Christus zugänglich zu machen, der immer mehr ins Wunderhafte ausgestaltet wird. Bei Paulus tritt der geschichtliche

*) Diesem Aufsatz liegt das gleichbetitelte Werk von Gustav Pfannmiiller zugrunde. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 1908. ö76 Seiten, Preis gebunden 5 Mark.