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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 12. September 1909
(Presse und Regierung — ein Kapitel vom Offiziosentum. Wahl in Schneeberg-Stollberg. Der sozialdemokratische Parteitag. Zur auswärtigen Politik.)
Heute müssen wir zunächst auf eine Polemik zurückkommen, die in dem Reichsspiegel um so weniger übergangen werden kann, als sie Erörterungen berührt, die gerade in der vergangnen Woche eine charakteristische Rolle gespielt haben. Wir gehn davon aus, daß die Deutsche Tageszeitung Betrachtungen darüber anstellt, ob der Leitartikel der Grenzboten in Nr. 36 („Der Weg zum neuen Block") offiziös sei oder nicht. Wir haben uns über die angebliche Offiziosität des Reichsspiegels so oft ausgesprochen, daß es eigentlich überflüssig sein könnte, Erklärungen zn wiederholen, die manche Leute anscheinend nicht verstehn wollen, weil sie sonst ein Mittel recht unschöner und überheblicher, aber freilich sehr bequemer Polemik aus der Hand geben müßten. Also kurz und bündig für alle, die dessen etwa zu ihrer Beruhigung bedürfen: der Reichsspiegel ist nicht offiziös. Die andre Frage, ob der erwähnte Leitartikel offiziös ist, braucht schon deshalb nicht beantwortet zu werden, weil der Artikel selbst die Antwort auf die Frage gibt. Zunächst gibt schon eine Äußerlichkeit jedem Kundigen einen verständlichen Fingerzeig. Wenn eine Zeitschrift einen Artikel mit einer Chiffre zeichnet, die für die Leser der Zeitschrift nicht eine bekannte Abkürzung bedeutet, sondern die Anonymität tatsächlich aufrecht erhält, so kann das nur den Sinn haben, daß die Redaktion den Artikel nicht ohne weiteres als eigne Äußerung, sondern als die Ansicht eines bestimmten Verfassers kennzeichnen will, eine Ansicht, die ihr mitteilenswert erscheint und zur Aufklärung sowie zur Unterstützung ihrer eignen Bestrebungen dient, für die aber der Verfasser allein die sachliche Verantwortung trägt. Im übrigen muß sich alles, was der Leser über die Bedeutung eines Artikels wissen muß, aus dem Inhalt selbst ergeben. Und der Inhalt spricht im vorliegenden Falle deutlich genug. Es ist eine Lächerlichkeit, anzunehmen, daß eine Regierungsstelle gerade diese Auseinandersetzungen veranlaßt haben könnte, die aus konservativer Anschauung heraus die Haltung der konservativen Parteiführung so kritisiert, wie es der wirklichen Stimmung und Meinung beachtenswerter Kreise innerhalb der Partei und überdies einer nähern Kenntnis der Tatsachen entspricht.
Daß dergleichen der Deutschen Tageszeitung auf die Nerven gefallen ist, setzt uns natürlich nicht in Erstaunen. Nur wundert es uns, daß die genannte Zeitung nicht besser die Konseqnenz ihrer eignen Meinung gezogen hat. Als wir zur Zeit des Kampfes um die Reichsfinanzreform auch im Reichsspiegel genötigt waren, scharf gegen die konservative Reichstagsfraktion und die Agitation des Bundes der Landwirte Stellung zu nehmen, versicherte das agrarische Blatt seine Leser, man habe sich erkundigt und die bestimmte Auskunft erhalten, der Neichsspiegel der Grenzboten sei nicht offiziös. Woher nun jetzt auf einmal die starke Beunruhigung, er könnte doch offiziös sein? Sollte da nicht die unbehagliche Erfahrung mitsprechen, daß wir jedenfalls immer sehr gut Bescheid gewußt haben? Es ist nicht gerade sehr geschickt, wenn die Deutsche Tageszeitung ihre Leser auf diese unbequeme Tatsache ausdrücklich hinweist, indem sie eine besondre Erklärung der Regierung über ihr Verhältnis zu den Grenzboten für zweckmäßig hält, also augenscheinlich die Wirkung unsrer Ausführungen höher anschlägt als die ihrer eignen Versicherungen.
Wir erkennen aber gern an, daß die Deutsche Tageszeitung liebenswürdig genug gewesen ist, uns das Material zur Antwort auf ihre Angriffe selbst an die