Der rote Hahn
569
Dabei ist Goethe ein Feind aller Gleichmacherei: jeder Mensch soll nach seinen individuellen Fähigkeiten zur Arbeit für das Gemeinwohl erzogen werden, der eine als Handwerker, der andre als Arbeiter im Reiche des Geistes; er ist ferner ein Feind der romantischen, im Grunde egoistischen und weichlichen Selbstbespieglung. Als jemand seinem Enkel Walther Jean Pauls manierierten und zärtlichen Ausspruch ins Stammbuch geschrieben hatte: „Der Mensch hat drittehalb Minuten: eine zu lächeln, eine zu seufzen und eine halbe zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er", da schrieb der Großvater Goethe die männliche Zurechtweisung dahinter: Jhrn hat die Stünde,
Über tausend hat der Tag;
Söhnchen, werde dir die Kunde,
Was man alles leisten mag!
Ein menschlicher Ausgleich der beiden Männer, Goethe und Pestalozzi, hat auch gegen das Ende ihres Lebens nicht stattgefunden. Die edelsten Seiten der Persönlichkeit Pestalozzis, seine selbstlose, sich selbstaufopfernde Menschenfreundlichkeit, hat Goethe wegen der andern Seiten des Schweizers, die ihn abstießen, nicht recht entdeckt. Als Pestalozzi 1827, bald vor seinem Tode, ein schweizerisches Waisenhaus besuchte, überreichten ihm die Kinder einen Eichenkranz und sangen dazu das Goethische Lied, das Pestalozzi in „Lienhard und Gertrud" die Mutter mit den Kindern singen läßt:
Der du von dem Himmel bist.
„Da erstickten, so erzählt uns Pestalozzis Biograph Blochmann, Tränen die Stimme des Greises." Er mochte wohl wehmütig daran denken, daß er gerade die Allerkennung seines größten Zeitgenossen nicht hatte erringen können.
Der rote Hahn
von palle Rosenkrantz. Deutsch von Ida Anders (Fortsetzung)
Zwölftes Aapitel. Ingers Geburtstag
ustesen war berittner Gendarm, und deshalb hatte er ein Einspännerfuhrwerk. Ein alterer martialischer Jägermeister im Gemeinderat hatte wiederholt vorgeschlagen, daß die Gendarmen des Kreises reiten sollten, da sie ja doch beritten wären. Aber dies scheiterte an dem Widerstande der Gerichtsbeamten und des Amtmanns. An und für sich war es ja sehr richtig, aber, wandten die Sachverständigen ein, wie sollten die Polizeibeamten es anstellen, Verbrecher zu transportieren, wenn sie keinen Wagen hätten, auf den sie sie setzen könnten.
Justesen hätte auch nicht reiten können; kein Pferd würde seine 250 Pfnnd getragen haben, und wenn er von seinen Patronillentouren heimkam, war er auch Grenzboten III 1909 73