Der Vlockgedanke
ls die Politik des Fürsten Biilow den Block ins Leben rief, war das Zutrauen in die Arbeits- und Lebensfähigkeit des neuen Gebildes bei allen Parteien gering; als der Block in den Wirren der Kämpfe um die Neichssinanzreform in Trümmer ging, war die Erregung darüber dennoch groß, und noch jetzt bemühen sich die Parteien der frühern Blockmehrheit, die Schuld an dem Ende der Blockpolitik einander zuzuschieben; ein Beweis, daß der Block bei den Wählermassen populär war, und daß sie nicht geneigt sind, die Herbeiführung des heutigen Zustandes als ein Verdienst anzusehen, sondern als ein Verschulden. Beruht dieser unzweifelhafte Wandel der Anschauungen auf vorübergehenden Volksstimmungen, oder gründet er sich auf der bessern Erkenntnis der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Notwendigkeiten des Deutschen Reiches? Von der Beantwortung dieser Frage hängt es ab, ob der Blockgedanke noch eine Zukunft hat, oder ob er endgiltig als ein interessantes aber notwendigerweise unfruchtbares Experiment der Geschichte angehört.
Was der Block an Gesetzen positiv geschaffen hat, kann den Wandel der Anschauung schwerlich erklären; man mag das Vereinsgesetz, die Börsennovelle, das Gesetz über die Majestätsbeleidigungen, das Automobilgesetz usw. noch so hoch einschätzen, all diese Gesetze berühren die Interessen der großen Massen doch M wenig, als daß sie eine vorhcmdne Stimmung in ihr Gegenteil hätten verwandeln können. Diese positiven Erfolge konservativ-liberalen Zusammenarbeitens konnten die bestehenden Zweifel iiber die dauernde Möglichkeit der „Paarung" mindern, aber nicht beseitigen, geschweige denn eine Blockfreudigkeit auslösen, wie sie während des letzten Winters immer mehr und mehr um sich griff.
Die Verbreitung des Vlockgedcmkens im Volke wurde durch das Ergebnis der Jnnuarwahlen des Jahres 1907 ermöglicht. Gemeinsani hatten Konservative und Liberale gegen Ultramontane und Sozialdemotratcn gestanden. Die schweren Bedenken, die die Politiker über den Erfolg der Neuwahlen hatten, wurden seitens der NichtPolitiker mit der frischen Farbe rasch betätigter Entschließung
Grenzbotm III 1909 S1